AUF DER JAGD - WEM GEHÖRT DIE NATUR?


FILMKRITIK:

Zum Beginn sieht man Wölfe laufen – ein sehr ursprünglicher Anblick. Sie schnüren im Trab durchs Gelände, sehr schnell, sehr zielstrebig. Der Wolf ist nicht nur ein Wildtier, er ist Angstgegner und gleichzeitig Konkurrent des Menschen, wenn es um den Anspruch auf Beute geht. Falls man die Natur als Kriegsschauplatz oder als Sport- und Freizeitgelände betrachtet, je nach Grundeinstellung, dann hat der Mensch den Wolf besiegt. Im Verlauf des Films wird das Zusammenleben von Mensch und Wolf noch eine größere Rolle spielen. Hier, am Anfang eines Films über das Miteinander von Mensch und Natur, werden schon mal die Claims abgesteckt: Steinzeitliche Zeichnungen zeigen Jagdbilder, der Mensch wollte schon früh das festhalten und bewahren, was ihn beschäftigt. Und auch heute noch gibt es Jäger, doch in festen Ritualen, nach von Menschen gemachten Gesetzen. Die Natur umgab den Menschen, sie war weder freundlich noch feindlich, sie war einfach, und der Mensch war Teil von ihr. Damit ist es schon lange vorbei.


Der Eindruck, den die exquisiten Naturaufnahmen erwecken, täuscht. Der Wald, so wie man ihn aus den Märchenbüchern kennt, existiert praktisch nicht mehr. Lediglich ca. 10 Prozent der deutschen Waldgebiete werden nicht bewirtschaftet, und das bedeutet: 90 Prozent der Wälder sind Teile der Kulturlandschaft, sie gehören jemandem, werden beaufsichtigt und vielseitig genutzt oder ausgenutzt. Vor allem werden sie bejagt, denn alle Gebiete, die nicht zu Städten oder Ortschaften gehören, unterliegen dem Jagdgesetz und müssen (!) bejagt werden. Die Wildtiere haben sich in dieser Landschaft einen Platz suchen müssen, der immer knapper wird. Sie werden nur geduldet, wo sie nicht im Weg sind oder Räume beanspruchen, die der Mensch nutzen will. Das gilt auch für den Wolf, der mittlerweile wieder in Deutschland heimisch geworden ist. Aber was würde geschehen, wenn es keine Aufsicht gäbe? Könnten die Tiere dann überhaupt überleben?


Für das Jagen gibt es eine eigene Bürokratie, die – wie das so üblich ist mit dem Amtsschimmel – wenig Rücksicht nimmt auf individuelle Probleme oder landschaftliche Besonderheiten. Es gibt Abschussquoten, die eingehalten werden müssen. Und wenn zu wenig Rehe im Wald herumlaufen, dann wird der Jäger bestraft, weil er seine Quote nicht erfüllt hat. Wenn die Wolfsrudel dafür sorgen, dass Rehe und Hirsche wieder mehr wandern, dann werden die möglichen Jagdergebnisse schlechter vorhersehbar. Und wenn die Gämsen, die in den Bayrischen Alpen abgeschossen werden, um die Quoten zu erfüllen, immer jünger werden, wann werden sie wohl ausgestorben sein?


Alice Agneskirchner gliedert ihren Film thematisch in mehrere, lose miteinander verbundene Teile, die jeweils für sich stehen und erst gemeinsam wirken: Landschaft und Jagd, das Tier als Nahrungsmittel, der Wolf als Rückkehrer in die Kulturlandschaft, der Kampf der Jäger gegen das Aussterben der Gams. Sie stellt als Autorin und Filmemacherin wichtige Fragen. Dabei konfrontiert sie den Wolf mit dem Menschen als Jäger – ist der Mensch gut oder böse, weil er jagt? Ist es der Wolf? Eine Frau liest einer Kindergruppe den Anfang der Geschichte von „Bambi“ vor, ein früher literarischer Höhepunkt der Vermenschlichung von Tieren. Ein Jäger sagt dazu: „Wir identifizieren uns mit dem Reh, nicht mit dem Jäger.“ Und damit hat er meistens recht. Das Bambi-Syndrom bezeichnet die Moralisierung und Infantilisierung der Natur, ein weit verbreitetes Phänomen: Alles, was natürlich ist, muss gut sein und ist gut, weil es natürlich ist; alles vom Menschen Gemachte ist schlecht: Technik, Zivilisation … Aber was könnte man ändern? Die Jägerinnen und Jäger, die im Film zu Worte kommen, sind alles andere als zynische Bösewichte. Ihnen ist klar, dass sie eine große Verantwortung tragen, wenn sie Tiere töten. Und wie sieht es aus mit jemandem, der sich einfach ein Schnitzel im Supermarkt kauft? Hier werden auch Grundeinstellungen hinterfragt: Gibt es hierzulande überhaupt noch einen „natürlichen“ Bezug zum Tier? Das Filmteam besucht in Kanada eine Gruppe indigener Algonquin-Frauen, die gemeinsam auf die Jagd gehen. Für sie gehört das zur Tradition ihres Volkes, ihre Rituale unterscheiden sich extrem von denen im deutschen Jagdleben. Diese fröhlich kichernden, herumballernden Algonquin-Frauen haben ein staatlich verbrieftes Recht zu jagen, weil sie Angehörige eines indigenen Volkes sind. Macht sie das natürlicher oder vielleicht sogar zu besseren Menschen?


Auf all diese Fragen gibt es keine leichten Antworten, sondern es scheint, als ob immer mehr Fragen entstehen, und die schwierigste lautet: Wie wollen wir künftig unsere Welt verwalten? Mit ihrem Film, der mit einem sparsamen Kommentar auskommt (Sprecher: Patrick Winczewski), liefert Alice Agneskirchner wichtige Denkanstöße. Dazu gibt es wunderschöne Bilder von Feld, Wald und Wiesen, und von den Tieren, die dort leben.


Gaby Sikorski