DAS GEHEIMNIS VON NEAPEL


FILMKRITIK:

Während einer privaten Theatervorführung wird die Gerichtsmedizinerin Adriana (Giovanna Mezzogiorno) vom ebenso attraktiven wie geheimnisvollen Andrea (Alessandro Borghi) verführt. Nach einer überaus leidenschaftlichen Nacht verabredet sich das Paar für den Nachmittag im Kunstmuseum von Neapel, doch Andrea erscheint nicht.


Am nächsten Morgen liegt seine brutal entstellte Leiche auf Adrianas Seziertisch: Andrea wurde offenbar ermordet, warum, das bleibt ein Rätsel. Die Spur führt zu Kunstfälschern in der neapolitanischen High Society, zwei unnahbare Schwestern sorgen ebenso für Irritationen wie Antonio (Biagio Forestieri), ein biederer Polizist, der sich in Adriana verliebt. Vor allem ist da jedoch Luca (Alessandro Borghi), der Andrea wie aus dem Gesicht geschnitten ist und vorgibt, dessen Zwillingsbruder zu sein. Schnell beginnt Adriana eine Affäre mit ihm, doch immer größer werden ihre Zweifel, ob Luca tatsächlich existiert, ein Geist oder nur ein Ausbund ihrer Phantasie ist.


Gleich zu Beginn von Ferzan Ozpeteks „Das Geheimnis von Neapel“ öffnet sich ein Vorhang und gibt den Blick auf eine Theateraufführung frei, auf eine erotische, von antiken Mythen geprägte Geschichte. Schauplatz ist eine mondäne Villa, edle Räume, in der sich attraktive, offensichtlich wohlhabende Menschen fern ab der neapolitanischen Realität unterhalten. In diese dekadente Welt tritt bald der Tod ein, ein brutaler Mord, der eine Krimi-Handlung in Gang zu setzen scheint, die jedoch nur scheinbar der rote Faden des Films ist.


Denn wie in seinem vorherigen Film „Istanbul Kirmizisi“ geht es dem in der Türkei geborenen, seit langem in Italien lebenden Ferzan Ozpetek auch hier weniger um eine klare Geschichte, als um eine Atmosphäre. Mythen und Legenden evoziert er, blickt auf die reiche Geschichte Neapels, deren Überbleibsel sich heute in Museen und der Architektur der Stadt nachvollziehen lassen, die sich aber auch – so scheint es Ozpetek zumindest anzudeuten – auch in der Psyche seiner Bewohner niedergeschlagen hat.


Deren Gesichter, vor allem aber auch Körper ergründet Ozpetek zusammen mit seinem brillanten Kameramann Filippo Corticelli, schneidet lebende (und tote) menschliche Körper gegen Aufnahmen von antiken Skulpturen, vor allem Giuseppe Sanmartino berühmte Darstellung des unter einem Tuch liegenden toten Christus, deren Name Cristo Velato dem Film seinen Originaltitel gibt. Die Schleier von Neapel sind es also, unter denen sich allerlei Geheimnisse verbergen, die sich wie ein Dunstschleier auf eine alte Stadt legen, die seit Jahrhunderten vor sich hin rottet, siecht, aber ungemein lebendig ist.


Man mag es etwas unbefriedigend finden, dass sich die narrativen Strukturen, die Krimi-Geschichte ebenso wie die sich anbahnende Beziehung zwischen Adriana und ihrem Polizisten, eher ins unbestimmte auflösen, als zu einem klaren Ende zu finden. Doch andererseits macht gerade dieses unbestimmte, unfertige Element, die besondere Qualität eines Films aus, der sich gegen den Strom der meisten zeitgenössischen Filme stellt und weniger über Narration erzählt, als über Atmosphäre und Stimmungen. Gerade das sich in „Das Geheimnis von Neapel“ der Schleier nie wirklich lüftet, macht die Faszination aus.


Michael Meyns