DAS MÄDCHEN AUS DEM NORDEN


FILMKRITIK:

Zu Beginn wird eine alte Frau, Christina, von ihrem Sohn mehr oder weniger dazu gezwungen, mit ins Auto zu steigen, um zu einer Beerdigung nach Nordschweden zu fahren. Christinas Schwester ist gestorben, doch der Widerwille, mit dem Christina schließlich auf die Bitten ihres Sohnes eingeht, zeigt, dass da irgendwas im Busche ist. Als Christina samt Sohn und Enkelin an der Trauerfeier teilnimmt, bleibt sie distanziert. Langsam wird klar, dass Christina zum indigenen Volk der Samen gehört. Die Konfrontation mit der auch heute noch vorhandenen Abneigung gegen das alte skandinavische Volk bringt Christina dazu, sich zu erinnern … an ihre Jugend in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts:


Elle Marja und Njenna sind unzertrennliche, aber unterschiedliche Schwestern. Elle Marja ist eher zielstrebig und ruhig, Njenna dagegen ist ein temperamentvoller Quirl. Als Njenna zu Elle Marja ins Internat kommt, wo die samischen Kinder eine eigene Erziehung erhalten, die im Wesentlichen darauf beruht, dass sie ihre Herkunft gleichzeitig akzeptieren und verleugnen sollen, bekommt sie sofort Schwierigkeiten. Ein institutioneller Rassismus bestimmt die Politik der schwedischen Regierung. Wer samisch spricht, wird mit Stockschlägen auf den Handrücken bestraft. Elle Marja ist hoch intelligent und extrem angepasst, eine brave Musterschülerin. Doch trotz ihrer Bemühungen stellt Elle Marja bald fest, dass ihr das alles nichts nutzt. Sie muss sich erniedrigender Rassentests unterziehen und wenn sie und ihre samischen Schulkameraden in farbenfrohen Gewändern mit gesenkten Köpfen durchs Dorf laufen, sind sie ein willkommenes Ziel für feindselige Blicke und Bemerkungen der Dorfjugend. Als Elle Marja mit einem Kleid, das sie von der Wäscheleine ihrer Lehrerin gemopst hat, auf dem Dorffest auftaucht, erkennt sie niemand, aber sie wird sofort akzeptiert. Sie lernt einen Jungen kennen, Niklas aus Uppsala. Die beiden verlieben sich. Niklas lädt sie zu sich ein, und Elle Marja, die sich hier zum ersten Mal Christina nennt, verleugnet ihre Herkunft und fasst den Entschluss, von Zuhause wegzulaufen. Im Zug Richtung Süden klaut sie einer schlafenden Mitreisenden den Koffer und verbrennt ihr samisches Gewand. Christina wird sich durchsetzen, sie wird unter ihrem neuen Namen das erreichen, was Elle Marja vielleicht lebenslang verwehrt bliebe. Ihre Zielstrebigkeit ist beeindruckend, sie lässt nicht locker, im Guten wie im Bösen – ein ruhiges, nachdenkliches Mädchen, das kein überflüssiges Wort spricht und viel zu viel einstecken muss, bis sie schließlich selbst aktiv wird. Man könnte sie starrköpfig nennen oder konsequent, ein Mädchen auf der Suche nach sich selbst, Elle Marja ist wild und zornig, aber meistens kann sie sich beherrschen. Selten brennen ihr mal die Sicherungen durch, aber sie will nicht mehr als Zirkustier leben, sondern raus aus einer vertrauten Umgebung, die ihr jede Form von höherer Bildung verwehrt. und ihr lediglich eine Zukunft als Rentierzüchterin erlaubt.


Wie Amanda Kernell diese zerrissene Persönlichkeit so nachvollziehbar gestaltet, dass man Elle Marja nicht nur versteht, sondern mit ihr bangt und hofft, ist ganz außergewöhnlich. Unterdrückte Menschen gibt es leider überall, und zur respektierten Mehrheit gehören zu dürfen, ist ein großes Privileg. Das wird mittlerweile auch in Skandinavien deutlich, wo die Diskussionen über die Pressionen gegenüber den Samen, die früher „Lappen“ genannt wurden, in den letzten Jahren wiederaufgeflammt sind. Jedes einzelne Schicksal ist natürlich anders, doch das von Elle Marja steht für viele einzelne, nicht nur in Schweden. Ob seit Jahrtausenden angesiedelte Minderheit im eigenen Land, so wie Friesen und Sorben in Deutschland, oder Zugewanderte in allen Teilen der Welt: Sie alle müssen sich auch heute noch sehr oft zwischen Anpassung, Auflehnung oder Verzicht auf Karriere und Bildung entscheiden. Und wo die Anpassung nicht ausreicht, bleibt manchmal nur die Leugnung der eigenen Herkunft. Das ist schlimm, denn es bedeutet ja unter anderem, dass der Wille zur Integration nicht unbedingt ausreicht, um anerkannt zu werden, wenn Name oder Aussehen nicht in den Mainstream passen. Und das ist leider kein Phänomen der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.


Amanda Kernell erzählt ihre Geschichte einer Kämpferin mit der stillen Melancholie, die zu der grandiosen Landschaft des Nordens passt. Ihre Personen sind vielschichtig, auch Elle Marja/Christina hat Ecken und Kanten, sie rastet einmal aus und wird auf diese Weise doch noch zum Opfer der Dorfjugend. Das Joiken, der Spontangesang der Samen, nimmt eine wichtige Rolle im Film ein, doch Amanda Kernell erliegt nicht der Versuchung, daraus eine Art Volksmusik-Gaudi oder einen ethnopopmäßig hochgestylten Soundtrack zu machen. Stattdessen zeigt sie mit sehr viel Würde und manchmal sogar mit einer gewissen Andacht die Rituale in der Familie der beiden Mädchen. Das wird besonders deutlich, als Elle Marja endgültig mit ihrer Familie bricht. Wie sich Mutter und Tochter trennen, ist von bestürzender Konsequenz, der Abschied der Schwestern ist einigermaßen herzzerreißend. Die Schuldgefühle bei Christina sind immer noch präsent, erst ganz am Ende löst sich die Verbitterung der alten Dame.


Amanda Kernell hat viel mit samischen Laiendarstellern gearbeitet, die junge Elle Marja spielt Lene Cecilia Sparrok, Mia Erika Sparrok ihre Schwester Njenna – im wahren Leben sind die beiden Zwillingsschwestern, hier wirkt Njenna deutlich jünger. Sie ist fröhlich, während Elle Marja eine gewisse Grundmelancholie ausstrahlt, die vor allem in ihren Blicken und in ihrer Haltung deutlich wird. Wo die kleine Schwester ein bisschen verspielt wirkt, ist die große zurückhaltend, lässt sich aber auch ab und an von der jüngeren mitreißen. Hier fällt kein überflüssiges Wort, es wird nicht geredet, sondern gehandelt und gezeigt. Das gilt auch für die ganz nebenbei eingebauten Bräuche und Rituale der Samen, die besonders Lene Cecilia Sparrok mit großer Hingabe darstellt. Christina, also die alte Elle Marja, spielt Maj Doris Rimpi, mit einem Hauch von Trauer. Sie gibt einer alten Frau, die vom schlechten Gewissen beinahe erstickt wird, den Trotz und die gleiche kämpferische Konsequenz, die ihr jüngeres Ich hat. Ihre Traurigkeit hat weniger mit dem Tod der Schwester zu tun als vielmehr damit, dass sie sich schmerzvoll an ihre eigene Herkunft erinnert. So wird das Drama der Samin Elle Marja viele Jahrzehnte später zum Drama der Schwedin Christina, und das ist sehr, sehr beeindruckend.


Gaby Sikorski