DER BAUER UND SEIN PRINZ


FILMKRITIK:

Südengland in der Grafschaft Gloucestershire: Grasende Schafe und Lämmer inmitten lila blühendem Klee, wogende Weizenfelder mit knallrotem Mohnblumen, weidende Kühe mit ihren jungen Kälbern, eine fast paradiesisch wirkende friedliche ländliche Idylle. Sie stammt nicht aus anderen Zeiten, sondern ist Realität auf der Duchy Home Farm in Tetbury. Dort versucht Prinz Charles seit fast drei Jahrzehnten seine Vision einer nachhaltigen Landwirtschaft umzusetzen.


Tatkräftig unterstützt wird der inzwischen 65jährige bei diesem unkonventionellen Projekt, dessen politische Brisanz unübersehbar ist, von seinem umsichtigen Farmmanager David Wilson. Mit der Idee sein Land im Einklang mit der Natur ohne Gifte zu bewirtschaften machte er sich freilich nicht nur Freunde. „Wie sie sich vielleicht vorstellen können hielt man uns für verrückt und wir waren dem üblichen Spott ausgesetzt, dem man nun einmal auf sich zieht“, erzählt er ruhig und besonnen in die Kamera, „wenn man der Meinung ist, dass die konventionelle Weltanschauung nicht unbedingt die einzige Sichtweise ist“.

Infarktgefährdete Bullen samt anämischer Kälber in dunkler Bewegungslosigkeit, vollgestopft mit Antibiotika und gekettet an den perversen Feinschmeckerwunsch nach weißem Fleisch finden sich auf seiner Farm nicht. Dagegen zeigt Farmmanager David Wilson einen geräumigen Stall mit lichten, hohen Dach und genügend Stroh, damit sich die Tiere wohlfühlen. Gleichzeitig erklärt er wie gigantische Monokulturen, besonders in den USA die Tiere zu Milchmaschinen überzüchten, die immer schneller verenden, noch bevor ihre Kälber heranwachsen.

Facettenreich verdeutlicht die unterhaltsame Dokumentation, dass es sich hier nicht um ein königliches Hobby handelt, sondern den ernsthaften Versuch der modernen globalisierten Intensivlandwirtschaft, die ganz auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, etwas entgegenzusetzen. Und das könnte durchaus Bestand haben. „Er ist der Rückgrat der biologischen Bewegung und hat viele junge Leute ermutigt, sich mit Nahrung zu beschäftigen“, sagt Clive Mellum. Der 47jährige Bäckermeister verarbeitet das Mehl der Duchy Home Farm und wird als Experte von den besten Bäckereien in Großbritannien geschätzt.

„Er ist kein manikürter Prinz“, betont auch die Trägerin des alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva. Die indische promovierte Quantenphysikerin und engagierte, Umweltschützerin weiß wie sehr sich der Prinz der Natur verbunden fühlt. Vorbild und Auslöser für sein Engagement, so glaubt sie, stammt nicht zuletzt von Queen Mum, seiner Großmutter. „Als ich ihn das erste Mal traf, hatte er alle ihre Gartenschürzen und Handschuhe immer noch in Gebrauch“, erzählt die feministische Bürgerrechtlerin schmunzelnd. Dass Prinz Charles Vision teilweise diskreditiert und er als eine Art „Verrückter“ galt, wurde ihrer Meinung nach „sorgfältig lanciert“.

Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut fasziniert die Montage des Bild- und Tonmaterials. 120 Stunden Rohmaterial und fünf Jahre Drehzeit frei finanziert gegen alle Widerstände und durch alle Jahreszeiten. Trotzdem gelingt dem preisgekröntem Regisseur Bertram Verhaag ein spannender Blick hinter die Kulissen der königlichen Bio-Farm. In Zeiten von Globalisierung und Genfood schafft er konsequent ein Bewusstsein für die oft verheerenden Zusammenhänge im weltweiten Kreislauf von Herstellung und Verbrauch von Nahrung. Doch nicht mit Katastrophen-Dramatik sondern einem inspirierenden Beispiel, das anregend wirkt. Sein erhellender Dokumentarfilm ist weder Umweltpamphlet noch schulmeisterliche Unterweisung.

Luitgard Koch