DESTINATION WEDDING


FILMKRITIK:

Manche Flirts beginnen mit einer Meinungsverschiedenheit. So passiert es Frank und Lindsay, als sie sich zufällig – oder schicksalhaft? – am Flughafen begegnen und spontan eine 90 Minuten währende Diskussion über alles und nichts vom Zaun brechen. Es fängt damit an, dass Frank mitten im Smalltalk einen Schritt nach vorn tritt und Lindsay damit einfach „abhängt“. Es geht um das Welt-, Selbst- und Fremdbild eines Menschen und wie damit umzugehen sei. Grob gesagt. In der nächsten Szene finden sich Lindsay und Frank nebeneinander sitzend im Flugzeug wieder. Beide reisen zur selben Hochzeit. 72 Stunden im Paradies. Der Beginn einer redseligen, sperrigen, wunderbaren Romanze.


Die Dialoge in der Eröffnungsszene und darüber hinaus wurden vom Drehbuchautor und Regisseur Victor Levin punktgenau hingeschrieben. So reden im echten Leben kaum je fremde Menschen miteinander, außer, es funkt auf Anhieb. Die Schlagfertigkeit beider Gesprächspartner verdeutlicht schnell, dass hier auf Augenhöhe diskutiert wird. Warum er seiner Ex so hinterherweint, wo die Sache doch abgeschlossen sei, fragt Lindsay – weil „abgeschlossen“ nicht dasselbe wie „abgeschlossen haben“ sei, entgegnet Frank spontan.


Von den beiden Eröffnungsbildern her wissen, wir dass Lindsay und Frank neben der Spur ticken: Er sitzt morgens krächzend im Bett, sie spricht mit ihren Pflanzen. Der Titel erhält einen Zusatz: „Ein Narzisst darf nicht sterben, weil dann die ganze Welt untergeht.“ Zynismus avanciert in Anbetracht der schön kaputten Welt zur Überlebensstrategie.


Dem Publikum ist es von Anfang an klar: Lindsay und Frank geben ein Traumpaar ab. Auch der Film weiß das. Nur die Betroffenen selbst brauchen eine Weile, um es einzusehen. Und dann steht die Frage aller Fragen im Raum: Was tun? Die Liebe zulassen? Heikel, immerhin haben die beiden zuvor kein gutes Haar an Paarbeziehungen, insbesondere der Ehe gelassen: „Manche Ehen funktionieren, und manche Menschen haben sechs Finger.“ Aber steckt im Mythos der reinen Liebe doch Wahrheit drin? Oder war es nur ein Wochenend-Intermezzo?


Die Story von „Destination Wedding“ ist schön anzuschauen, etwas Dialog-überfrachtet, im besten Sinn nett. Was den Film zu etwas Besonderem macht, ist die eigensinnige Inszenierung von Victor Levin. Der Plot entspinnt sich als Folge von Einstellungen, die ohne Schnitte auskommen. Lindsay und Frank sitzen meist in einem Bild – wie gesagt, der Film weiß um ihre Liebe. Die Statisten wirken wie auf stumm geschaltet. Sie sitzen unbewegt im Hintergrund, niemand der Hochzeitsgäste spricht je ein Wort. Statt typischem Hintergrundgemurmel läuft viel Jazzmusik. Ein Pärchen gegen Alle, auch gegen sich selbst und den jeweils anderen. Dazwischen gibt es Landschaftsbilder und einen Bergpuma.


Manchmal droht „Destination Wedding“ zu erschlaffen, wenn die Dialoge nicht enden wollen und immer wieder ähnliche Aspekte streifen. Aber langweilig wird der Liebesfilm nie. Der Funke springt über, zumindest tat er das bei mir: Nach der Kinovorführung hatte ich das Gefühl, heute könne so ein Tag sein, an dem ich meine nächste Exfreundin treffe. Und das schafft nicht jeder Film!


Christian Horn