DIE FARBE DES HORIZONTS


FILMKRITIK:

Als der Grenzbeamte am Flughafen von Tahiti Tami (Shailene Woodley) fragt, welchen Beruf sie ausübe, wohin sie wolle, wie lange sie bleibe, weiß die junge Frau keine Antwort. Sie ist froh, von Zuhause, von San Diego, fort zu sein. Nun lässt sie sich treiben, ungebunden, frei, von einem Ort zum nächsten. Soll doch das Schicksal entscheiden, was als nächstes passieren wird. Doch über dieses Schicksal weiß der Zuschauer bereits Bescheid. Als der Film beginnt, wacht Tami aus einer Ohnmacht auf. Sie befindet sich auf einem havarierten, manövrierunfähigen Segelschiff, das offensichtlich – doch das erfahren wir erst später – in einen gewaltigen Hurrikan geraten ist. Von nun an springt der neue Film von Baltasar Kormákur zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her und reicht so die Vorgeschichte in Bruchstücken nach: Auf Tahiti lernt Tami den erfahrenen englischen Segler Richard (Sam Claflin) kennen. Sie sind sich auf Anhieb sympathisch, unternehmen viel zusammen und verlieben sich Hals über Kopf. Als sie den Auftrag erhalten, für ein älteres Ehepaar ein Segelschiff nach San Diego zu überführen, stechen sie kurz entschlossen in See. Doch mitten auf dem Pazifik, 2000 Seemeilen vom Festland entfernt, geraten sie plötzlich in einen gewaltigen Hurrikan, das Boot ist nur noch ein Wrack, Richard wird lebensgefährlich verletzt. Für Tami beginnt, ohne Kontakt zur Außenwelt oder die Aussicht auf Hilfe, ein Kampf ums Überleben.


Eine Frau auf einem seeuntüchtigen Segelboot, mitten im Pazifischen Ozean, mit wenig Nahrung und Trinkwasser, dazu ein schwer verletzter Mann, den sie doch gerade erst kennen gelernt hat und keineswegs verlieren will – das ist jene Handlungsprämisse, die hier so große Angst und Beklemmung auslöst. Eine Ahnung von der Existenzangst und der Verzweiflung, die die Heldin des Films heimsucht, lieferten zuletzt J.C. Chandor mit „All is Lost“ (Hauptrolle: Robert Redford) und erst kürzlich James Marsh mit „Vor uns das Meer“ (Hauptrolle: Colin Firth). Kormákur, der schon mit „In the Deep“ (2012) die Hauptfigur der Unbarmherzigkeit des Meeres auslieferte und sich dabei ebenfalls auf eine wahre Geschichte berief, fängt die Tragik zunächst durch eine romantische Liebesgeschichte an traumhaftem Ort auf. Boy meets girl – das funktioniert auch hier wie so oft im Kino, weil man sich als Zuschauer für Tami und Richard freut. Sie sind ein schönes Paar, das durch die Liebe Halt in einem richtungslosen Leben bekommt. Doch nach der Katastrophe des Hurrikans, in den Actionszenen atemberaubend und technisch perfekt inszeniert, geht es auch um die Rettung dieser Liebe, und das verstärkt die Tragik des Films noch. Kormákur spart das körperliche Leiden auf See nicht aus: Richards offener Beinbruch, dessen Wundbrand nicht verheilen will, dazu innere Verletzungen, die lebensbedrohlich sind, während Tami immer mehr abmagert und vom Sonnenbrand gezeichnet ist. Der deutsche Filmtitel bezieht sich, trotz allen Leids, auf die Schönheit des Meeres, die immer auch etwas Überwältigendes hat. Kein Wunder, dass die echte Tami – das verrät der Abspann – auch heute noch der Faszination des Segelns erliegt.


Michael Ranze