DIE HANNAS


FILMKRITIK:

Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach) sind schon seit ewigen Zeiten zusammen und bilden eine Symbiose, die von ihren Freunden nur Die Hannas genannt wird. Ihr Leben hat sich längst in Routine eingelebt, die weder Anna noch Hans zu stören scheint: Das Paar kocht gern mit Freunden, vor allem mit Lisa (Anne Ratte-Polle) und Florian (Christian Natter), die deutlich mehr an ihrer Beziehung arbeiten und zweifeln und die Die Hannas für ihre Normalität bewundern, die vielleicht ein bisschen langweilig ist, aber zu funktionieren scheint.


Die Betonung liegt auf scheint, denn als Anna und Hans zufällig die Schwestern Nico (Ines Marie Westernströer) und Kim (Julia Becker) kennen lernen, beginnt ihr Leben aus den Fügen zu geraten. Während Anna Nico bei ihrem Job als Masseuse kennen lernt und sich zum ersten Mal mit einer Frau einlässt, lernt Hans Kim in etwas extremeren Umständen kennen: Bei einer Art Hardcore-Fitness und Selbstbewusstseintraining, bei dem er sich halb oder auch mal ganz nackt durch den Park jagen lässt, verknallt er sich in seine „Trainerin“ Kim, mit der er bald seine sexuellen Phantasien auslebt.


Unabhängig voneinander entwickeln sich die Affären, doch so recht voneinander lösen mögen sich die Hannas dennoch nicht. So viel ihnen die Affären auch geben, hängen sie doch zu sehr aneinander, um die Jahre des Zusammenlebens einfach so aufzugeben. Doch als sie von der Affäre des Gegenüber erfahren steht auch ihre Beziehung vor einer schweren Zerreißprobe.


Gleich mit vier der Hauptpreise des Berliner Filmfestivals Achtung Berlin wurde Julia C. Kaisers „Die Hannas“ ausgezeichnet und diese Begeisterung ist durchaus verständlich. Denn auch wenn sie „Die Hannas“ auf dem Papier wie ein typischer Beziehungsfilm anhört, beweist Julia C. Kaiser, das es für gutes, originelles Kino nicht darauf ankommt, was man erzählt sondern wie.


In manchen Momenten übertreibt sie zwar die Suche nach originellen, ungewöhnlichen Einstellungen, fast immer gelingt es Kaiser und ihrem Kameramann Dominik Berg jedoch, das Liebesleid der Hannas und ihrer Freunde rasant in Szene zu setzen, ohne es auszustellen, einen ganz zeitgemäßen, modernen Berlin-Film zu inszenieren, ohne auf inzwischen längst abgenutzte visuelle und inhaltliche Klischees zurückzugreifen. Unterschiedliche Beziehungsmodelle werden durchgespielt, die Vorzüge einer stabilen, dadurch vielleicht auch mal langweiligen Beziehung gezeigt, aber auch der Wunsch, auszubrechen, sich auszuprobieren, anders zu leben.


Vor allem das Kaiser dabei ganz undogmatisch bleibt, sich selber einer moralischen Wertung entzieht, lässt den Beziehungsreigen so authentisch wirken. Wie ihr es zudem gelingt, den Bogen langsam von eher leichter Komödie in zunehmend dramatische, emotionale Gefilde zu spannen, ihre Figuren leiden und mehr fühlen zu lassen, als sie es lange taten, lässt „Die Hannas“ zu einem ebenso ungewöhnlichen, wie sehenswerten Film werden.


Michael Meyns