DIE VERLEGERIN


FILMKRITIK:

Der neue Film von Steven Spielberg ist zeitlich und örtlich genau umrissen. Er spielt 1971, in Washington DC, er erzählt eine authentische Geschichte. Und doch spiegelt er unsere Gegenwart, speziell den aktuellen Kampf um die Pressefreiheit, mit einer Brisanz, die mehr ist als nur gutes Timing. In einer Zeit, in der ein US-Präsident während der Pressekonferenz die Journalisten als „fake news“ beschimpft, seine Mitarbeiter das Schlagwort der „alternativen Fakten“ prägen, ein türkischer Präsident Journalisten verhaften lässt und in Deutschland rechtsradikale Demonstranten Berichterstatter als „Lügenpresse“ diffamieren, ist dieser Film wichtiger denn je. „Wir müssen die Kontrolle ihrer Macht sein. Wenn wir sie nicht zur Rechenschaft ziehen, wer, um Himmels willen, soll es dann tun?“ sagt einmal jemand. Der Film kommentiert das Heute, in dem er vom Gestern berichtet. Er macht das spannend, unterhaltsam, mit großartigen Schauspielern. Und findet dann noch die Zeit, von etwas anderem zu erzählen: der Emanzipation einer Frau, die sich in einer Männerwelt behaupten muss.


Katharine „Kay“ Graham (Meryl Streep) hat diesen Job nie gewollt, und vielleicht ist sie für ihn auch nicht geschaffen. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Verlags, der die renommierte Washington Post“ herausbringt – so wie ihr verstorbener Mann dem Verlag vorstand. Nervös bereitet sie sich auf eine wichtige Sitzung vor. Und bringt, allein unter einem Dutzend Männern, kein Wort heraus. Zu dumm – immerhin geht es um den geplanten Börsengang der Zeitung. Und kurz darauf um noch sehr viel mehr. Es beginnt damit, dass Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) im Pentagon Tausende von Papieren über den Vietnam-Krieg kopiert und hinausschmuggelt. Geheime und brisante Informationen, die gleich vier US-Präsidenten betreffen. Jeder von ihnen hat gewusst, dass der Krieg in Vietnam nicht zu gewinnen ist, jeder von ihnen hat es der Öffentlichkeit verschwiegen. Zuerst kriegt die „New York Times“ Wind von der Sache. Doch dann landet ein Karton mit den sogenannten „Pentagon Papers“ auf dem Schreibtisch von Ben Bradley (Tom Hanks), Chefredakteur der „Post“. Was für ein Skandal, was für eine Geschichte! Drucken oder nicht? Immerhin geht es hier um die Veröffentlichung von Geheimdienstinformationen. Die verantwortlichen Verleger und Redakteure könnten wegen Hochverrats im Gefängnis landen, die Zukunft des Verlages stünde auf dem Spiel. Doch dann gibt Kay Graham ihr Okay, die Druckmaschinen rollen. Es kommt, wie es kommen muss: Das Weiße Haus zieht vor Gericht.


In der nun folgenden Gerichtsverhandlung geht es um nichts weniger als die Pressefreiheit, um das Recht der Presse, Fakten wahrheitsgemäß darzustellen, um das Recht der Journalisten, ihre Quelle geheim zu halten. Spielberg macht von vornherein klar, auf wessen Seite er steht, auch durch die Wahl seiner Schauspieler. Meryl Streep und Tom Hanks verleihen ihren Rollen Gewicht, Ernsthaftigkeit und Integrität. Die größte Wandlung macht dabei Kay Graham durch. Sie muss lernen, ihre Stimme zu erheben, ihre Ängste zu verlieren, sich durchzusetzen und sich zu entscheiden. Wenn sie nach der Urteilsverkündung durch einen Spalier von begeisterten Frauen geht, hat sie auch etwas für die Emanzipation der Frau getan.


„Die Verlegerin“ steht mit der packenden Erzählung und dem brisanten Anliegen in der Tradition der großen Journalistenfilme, von „Sein Mädchen für besondere Fälle“ und „Reporter des Satans“ über „Die Unbestechlichen“ bis „Network“ und „Good Night, and Good Luck“. Auch hier sind die Journalisten Fürsprecher der Demokratie und Verschwörer gegen die Mächtigen. Das Klimpern der Schreibmaschinen, das Rattern der Telex-Geräte und das Klingeln der Telefone im Großraumbüro zeugen davon: Hier wird hart gearbeitet, hier wird nach der Wahrheit gesucht, hier wird das journalistische Ethos verteidigt. Das war damals richtig, und ist es heute nicht minder.


Michael Ranze