EIN KUSS VON BÉATRICE



FILMKRITIK:

Das Leben der zuvorkommenden Hebamme Claire (Catherine Frot) verläuft zwar in nicht gerade spannenden, aber dafür geregelten Bahnen. Das ändert sich, als sie zwei unerwartete Neuigkeiten verdauen muss: zum einen steht die Entbindungsstation, auf der sie seit so vielen Jahren arbeitet, kurz vor der Schließung. Und dann eröffnet ihr auch noch ihr studierender Sohn, dass er Vater wird. Mitten in dieses Chaos platzt auch noch ein Anruf von Béatrice (Catherine Deneuve), die ehemalige Geliebte von Claires Vater. Dieser nahm sich einst das Leben, als er von Béatrice verlassen wurde. Die weltgewandte und extravagante Dame, möchte Claire nach Jahrzehnten unbedingt wieder sehen. Nicht ohne Hintergedanken: Béatrice ist todkrank und will sich mit Claire aussöhnen. Langsam aber sicher nähern sich die beiden konträren Frauen einander an, allerdings nicht ohne Turbulenzen und Missverständnisse.

„Ein Kuss von Béatrice“ bringt zwei Gigantinnen des französischen Kinos auf der Leinwand zusammen: die mehrfach preisgekrönte Catherine Deneuve („Belle de Jour“, „8 Frauen“), die seit den 60er-Jahren zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen Europas zählt. Und Catherine Frot, die 14 Jahre jünger ist als Deneuve und seit „Ich kann nicht schlafen“ (1994) zu den großen Kino-Darstellerinnen ihrer Heimat gehört. Regie führte der aus Brest stammende Martin Provost, dem 2008 mit seiner Filmbiographie über die Malerin Séraphine Louis, ein Riesenerfolg gelang. Seine Weltpremiere feierte „Ein Kuss von Béatrice“ im Februar 2017 auf der 67. Berlinale.

Einen großen Reiz des Films macht aus, die beiden so unterschiedlichen Hauptfiguren dabei zu beobachten, wie sie sich allmählich aneinander annähern. Nach zunächst großer Skepsis, vor allem auf Seiten von Claire. Denn sie kann der eitlen Diva Béatrice nur schwer verzeihen, dass diese – aus schwer nachvollziehbaren Gründen – damals Hals über Kopf ihren Vater verließ. Und noch wesentlich dramatischer: der Verlust traf den Verlassenen derart hart, dass er sich das Leben nahm. Und so ist z.B. die erste Begegnung der zwei eigenwilligen Frauen von großer Emotionalität, Konfusion aber auch viel Rede- und Klärungsbedarf, gekennzeichnet. Das ändert sich im Verlauf der weiteren Treffen erst einmal nicht. Das alles inszeniert Regisseur Provost sachlich, unaufgeregt und zurückgenommen.

Denn er kann sich ganz auf das ausgewogene, lebhafte Spiel seiner beiden famosen Hauptdarstellerinnen verlassen. Deneuve und Frot sind das große Plus des Films – und sie passen perfekt in ihre Rollen bzw. zu ihren besonderen Figuren. Da ist einerseits die edle, selbstverliebte und immer perfekte gestylte Béatrice. Sie trägt überdeutliche narzisstische Züge, doch schlägt tief darunter verborgen ein gutes Herz. Im Angesicht ihres möglicherweise baldigen Todes (sie hat einen bösartigen Hirntumor), wird sie aber sentimental und sucht den Kontakt zu Claire. Trotz der Erkrankung lässt sie sich aber nicht davon abhalten, ihren geliebten Rotwein zu trinken und teures, delikates Fleisch zu verspeisen.

Ihr Gegenüber steht Claire, eine hilfsbereite, bodenständige und allein stehende Hebamme. Das Wichtigste sind ihr der Sohn und der Job im Krankenhaus, für den sie lebt. Aus der Unterschiedlichkeit der beiden Figuren ergeben sich immer wieder auch gelungene, spaßige Wortgefechte und heitere Missverständnisse. Weniger gelungen aber ist, dass der Film ab etwa der Mitte ein wenig unspektakulär und vorhersehbar seine Bahnen zieht. Nachdem sich die Aufregung über die früheren Ereignisse gelegt hat und sich die beiden Frauen immer seltener mit Herzblut streiten (auch bedingt durch die fortschreitende Erkrankung von Béatrice), fehlen dem Film das Konfliktpotential und das Spannungsmoment. Zudem ist die Frage, ob es einige harmlose Nebenhandlungen und ungenügend ausgearbeitete Randfiguren (Claires Nachbar Paul, Sohn Paul u.a.), wirklich gebraucht hätte.

Björn Schneider