ES WAR EINMAL INDIANERLAND


FILMKRITIK:

Mauser (Leonard Schleicher) ist 17 und lebt in den Hochhaussiedlungen am Rand der Stadt. Im selben Wohnblock haust sein Vater Zöllner (Clemens Schick) mit seiner neuen Frau Laura (Katharina Behrens). Mauser hat keine Zukunft, aber sein Vater bläut ihm dennoch ein, an sich zu Glauben, nicht zuletzt im Boxring, wo in ein paar Tagen wichtige Ausscheidungskämpfe stattfinden, die Mauser vielleicht sogar doch einen Ausweg bieten könnten.


Vielleicht sogar in die Welt der hinreißenden Jackie (Emilia Schüle), die Mauser eines Nachts bei einer illegalen Party im Schwimmbad kennen gelernt hat. Sofort war er verliebt, auch wenn Jackie ihn gewarnt hat: Eitel, zickig und unkeusch sei sie, doch das kann Mauser nicht aufhalten. Dabei interessiert sich gerade auch ein viel passenderes Mädchen für ihn: Die 21jährige Edda, die zwar etwas ausgeflippt aussieht, aber eine Erdung hat, von der Mauser noch weit entfernt ist.


Als dann auch noch seine Stiefmutter tot aufgefunden wird und sich sein Vater als augenscheinlicher Täter aus dem Staub gemacht hat und Mauser zudem immer wieder einen stummen Indianer sieht, gerät sein Leben erst richtig aus den Fugen. Passenderweise laufen alle Fäden bei einem Pow Wow genannten Festival zusammen, das im Zeichen von Drogen und Selbstfindung steht.


Wie fulminant „Es war einmal Indianerland“ beginnt, mit wie viel visueller und erzählerischer Originalität, ist man gerade aus dem deutschen Kino nur selten gewohnt. Ja, wenn da Mauser in lakonischen Sätzen über sein Leben berichtet, die Figuren in rasanten Montagen vorgestellt werden, dann erinnert das ebenso an „Trainspotting“, wie die ständig vor und zurückspulende – im wahrsten Sinne des Wortes – Erzählung, an narrative Experimente eines Tarantinos denken lässt. Doch hier sind die Zitate nicht bloß betont clever, hier beweist ein Regisseur nicht nur, dass er sich in der (jüngeren) Filmgeschichte auskennt, hier ist das Zitat der Beginn von etwas Eigenem.


Das Grundgerüst der Geschichte ist zwar eine klassische, auch im deutschen Kino gern variierte Teenie-Romanze inklusive Selbstfindung, doch einmal mehr beweist sich auch hier, dass es darauf ankommt, wie das bekannte erzählt wird, vor allem auch mit welcher Haltung. So überdreht ist die visuelle Gestaltung oft, so voller prägnanter, immer leicht stilisierter Dialoge, dass „Es war einmal Indianerland“ Gefahr laufen würde, viel zu abgehoben und selbstbezogen zu werden, wenn er nicht so gut austariert wäre.


Ohne die Bodenhaftung der Figuren, besonders der aus dem Hochhausghetto, ohne die Wahrhaftigkeit der Emotionen, die als Auslöser des Geschehens nicht nur behauptet werden, sondern echt wirken, wäre dies wohl nur ein müder Abklatsch bekannter Vorbilder geworden. Doch Ilker Catak gelingt etwas im deutschen Kino nicht allzu oft zu findendes: Ein origineller, verspielter, emotionaler Film, der zwar im Kern eine Teenie-Geschichte erzählt, aber doch viel mehr ist.


Michael Meyns

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Ein Großteil deutscher Kinodebüts befolgt starr die „Regeln“ des filmischen Erzählens, wodurch unterschiedliche inszenatorische Handschriften kaum mehr auszumachen sind. Debütregisseur Ilker Çatak wählt für seine Verfilmung des Jugendromans „Es war einmal Indianerland“ von Nils Mohl einen anderen Ansatz. Den zügigen Erzählstil der Vorlage adaptiert er mit einer rasanten Inszenierung, die ganz auf Stilisierung setzt. Im Mittelpunkt des unterhaltsam überspannten Coming-of-Age-Films steht der innerlich zerrissene Teenager Mauser, der mit einem kaputten sozialen Umfeld und zig Problemen im Nacken zu sich selbst finden muss.


Diesen Sommer passiert beim 17-jährigen Mauser (Leonard Scheicher) ziemlich viel auf einmal. Der Junge aus einer Hamburger Hochhaussiedlung trainiert für einen Boxwettkampf, gepusht von seinem ruppigen Vater Zöllner (Clemens Schick), der ihm immer wieder eintrichtert, wie wichtig das Boxen für seine Zukunft ist. Doch als sich Mauser in die kokette Jackie (Emilia Schüle) aus wohlhabender Familie verguckt, steht ihm der Sinn nach anderen Dingen. Parallel flirtet die 21-jährige Edda (Johanna Polley) mit Mauser, was ihn zusätzlich aus der Fassung bringt. Als wäre das nicht genug, ereilt den Teenager noch eine viel schlimmere Krise: Sein Vater erwürgt die Stiefmutter Laura (Katharina Behrens) und macht sich aus dem Staub. In der Siedlung erfährt Mauser, dass Zöllner beim extravaganten Pow-Wow-Festival untergetaucht ist, wo auch Jackie feiert. Zusammen mit Edda unternimmt er einen Roadtrip zum Festival. Immer mit dabei: Ein Indianer, der dem gebeutelten Mauser regelmäßig erscheint.


Der reine Plot strotzt nicht unbedingt vor Innovationen: Ein Junge steht zwischen zwei Frauen und durchlebt eine jugendliche Sinnfindungskrise. Was das Kinodebüt von Regisseur Ilker Çatak zu einem besonderen Film macht, ist die hochgradig stilisierte Inszenierung. An einer realistischen Darstellung ist Çatak nicht interessiert. Das beginnt schon bei der Einführung des Hochhausghettos, das eher an die Favela aus „City of God“ als einen deutschen Stadtrand erinnert, und setzt sich bis zur realitätsenthobenen Darstellung des extravaganten Künstlerfestivals fort.


Ilker Çatak stilisiert den Jugendfilm zum stürmischen Ästhetikspektakel. Immer wieder spult er im Bilderfluss vor oder zurück, setzt auf knallige Farben, eine artifizielle Lichtsetzung und ungewöhnliche Szenenübergänge, Zeitraffer, Freeze Frames oder Collagen. Die Tonspur stilisiert das Geschehen mit grellen Sounds und elektronischer Musik zusätzlich. Selbstreferenzen wie die Wiederholung von Motiven und Dialogen oder das direkte Sprechen der Figuren in die Kamera verweisen fortwährend auf die künstlerische Gemachtheit des Films.


Dass „Es war einmal Indianerland“ trotz der Überbetonung der Form keine bloße Stilübung geworden ist, liegt viel an den schauspielerischen Funken, die zwischen Leonard Scheicher, Johanna Polley und Emilia Schüle sprühen. Die Figuren sind zwar überzeichnet, doch die Mimen unterfüttern den

Selbstfindungstrip mit glaubhaften Emotionen.


Christian Horn