EUPHORIA


FILMKRITIK:

Sehr bewegend und unheimlich intim ist der neue Film der schwedischen Regisseurin Lisa Langseth. Zwei Schwestern begegnen sich nach langer Zeit wieder. Emilie (Eva Green) hofft ihrer um zwei Jahre jüngeren Schwester Ines (Alicia Vikander) wieder näher zu kommen, indem sie gemeinsam Urlaub machen, und Ines willigt widerstrebend ein. Emilie überrascht sie mit einem teuren Hotelbesuch und einem dekadenten Diner. Sie bestellt Hummer und Champagner. Doch so recht will die feierliche Stimmung nicht aufkommen. Zwischen den beiden scheint ein alter Konflikt zu bestehen.

Emilie führt ihre nichtsahnende und skeptische Schwester zu einem völlig abgelegenen Anwesen. Auf dem geheimnisvollen Schloss wirkt alles freundlich, ruhig, natürlich, idyllisch – man denkt an eine Sekte. Dann plötzlich der Bruch: Emilie hat einen medizinischen Befund einschicken lassen und der freundliche Herr am Empfang erklärt, dass diese Organisation im Unterschied zu anderen die letzten Tage der Gäste besonders individuell gestalten würde. Die Gäste seien frei in ihren Entscheidungen. Spätestens jetzt ist klar: das wird kein Urlaub. Das wird ein Abschied.

Das Wechselbad der Gefühle wird durch den Wechsel der Musik verstärkt. Harmonische Töne gehen in manchen Szenen, in denen vor allem die Naturumgebung und der mit Pflanzen überdeckte See gezeigt wird, in dumpfe und verstörende Laute über, sodass man ein plötzliches Unglück erwartet. Dabei ist das Unglück schon lange über die einander entfremdeten Schwestern hereingebrochen. Der Vater hat seine Familie verlassen, als die beiden noch Kinder waren. Die Mutter hat infolgedessen Selbstmord begangen. Vaterlos und mutterlos hat das Leben die beiden auf völlig unterschiedliche Wege und Abwege geführt.

Durchweg ist eine starke Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit zu spüren, die sich auf mehreren Ebenen des Films wiederspiegelt. Die Kameraführung unterstützt die jeweils verschiedenen Szenen in ihrer Intensität. Bei intimen Szenen zoomt sie ganz nahe heran an die beiden Schwestern, zeigt einzelne Körperteile und die Gesichter. Sie zeigt auch den vernarbten und kranken Körper Emilies nach ihrem Zusammenbruch am ersten gemeinsamen Abend – eine unglaublich berührende und intime Begegnung der Schwestern. Die Schwestern versuchen krampfhaft sich näher zu kommen, lachen gemeinsam, rauchen und trinken, erzählen sich Geschichten aus der Vergangenheit. Doch das alles schafft eher Distanz, als Nähe.

Im Laufe des Films lässt Ines eine Entwicklung bei sich erkennen. Gegen Ende ist sie sogar bereit mit der Leiterin der Organisation, Marina (Charlotte Rampling), über ihre Mutter zu reden – allerdings nur, weil diese ihre Flucht vom Anwesen verhindert. Indem Ines ihre Wut über die Mutter auf Emilie überträgt, droht sie auch bei dieser den Prozess des Loslassens und Vergebens zu verfehlen. Ines versteckt sich hinter ihrer Kamera und fotografiert viele Szenen auf dem Anwesen. Für sie scheint all das surreal, was für Emilie bitterer Ernst ist.

Marina erscheint den beiden als Ersatz für die verlorene Mutter und steht ihnen in dieser schwierigen Phase bei. Dabei sagt ihr ausdrucks- und verständnisvolles Schweigen oftmals mehr als Worte. Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander überzeugt in ihrer Rolle insgesamt leider weniger. Ihr gelingt es durchweg nicht die Trauer glaubhaft rüberzubringen. Ihr pubertärer Trotz scheint unangemessen für ihr Alter und wirkt dadurch zeitweise recht künstlich aufgesetzt. Dadurch wird die ohnehin schon große Spannung zwischen Zuneigung und Entfremdung unnötig ausgedehnt. Eva Green hingegen brilliert in ihrer Rolle als tiefsinnige und reifere Schwester, die Emotionen nicht gut filtern kann, wie ihre Schwester einmal sagt, und dementsprechend alles in sich aufsaugt, woran sie wahrscheinlich letztlich auch erkrankt.

Regisseurin Lisa Langseth gelingt mit diesem Werk ein einfühlsamer und intimer Film über das Wechselspiel zwischen Nähe und Entfremdung, und über die schwierige Kunst des Vergebens und des Loslassens. Die Musik wirkt allerdings zeitweise völlig fehl am Platz.

Anja Werth