FINAL PORTRAIT


FILMKRITIK:

Weltberühmt ist der aus der italienischen Schweiz stammende Künstler Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) im Jahre 1964, er lebt mit seiner langjährigen Frau Annette (Sylvie Testud) in Paris in einer eher schlichten Behausung und das, obwohl er selbst für hingeworfene Skizzen hunderttausende Francs verlangen kann. Um Geld geht es dem Künstler also nicht mehr, das wird schnell deutlich, allein das Werk, allein die Kunst treibt ihn noch an.

Nun soll ihm der amerikanische Autor James Lord (Armie Hammer) für ein Portrait Model sitzen, keine große Sache, drei, vier Stunden sollten genügen. Doch nach der ersten Sitzung ist das Portrait alles andere als fertig und so kommt Lord am nächsten Tag erneut ins Atelier des Künstlers. Viele Tage wird es nun so weitergehen, wird Lord sitzen, Giacometti skizzieren, nur um das Geschaffene anschließend zu übermalen und von vorne zu beginnen.

Als Suche nach Perfektion könnte man dieses Spiel bezeichnen, als Selbstzweifel, von denen selbst der Großkünstler noch befallen ist, aber auch als Perfektionismus, der ihn erst zu dem Star machte, der er war. Allerdings ist dies auch schon der tiefste Einblick in das Wesen Giacomettis, dass man von „Final Portrait“ erwarten sollte, den Stanley Tucci nach den Erinnerungen eben jenes James Lord geschrieben und inszeniert hat, der das oder zumindest eines der letzten Modelle Giacomettis war. Das Ergebnis ist heute im Museum of Modern Art in New York zu bewundern und gilt als die Akkumulation von Giacomettis später Karriere als Maler.

Berühmt wurde der Schweizer für seine meist filigranen, langgezogen wirkenden Skulpturen, die Höchstpreise von über 100 Millionen Dollar erzielen. Erst spät in seiner Karriere widmete er sich verstärkt der Malerei und schuf einige Portraits, die gleichermaßen abstrakt und doch lebensecht wirken. Auf den ersten Blick mag auch das Lord-Portrait wie eine Weiterentwicklung der Abstraktionen eines Picassos wirken, doch von dessen Kubismus distanziert sich zumindest der filmische Giacometti in einer der wenigen Szenen, in denen der Film das Atelier verlässt.

Meist bleibt der Film jedoch an der Wirkungsstätte des Künstlers, füllen nur Giacometti und Lord die Leinwand, sitzen sich gegenüber, plaudern ab und an etwas, tauschen die ein oder andere Anekdote aus, die ein wenig Licht auf den Charakter des Künstlers wirft. Eine offene Ehe führt er, bezahlt die Prostituierte Caroline (Clémence Poésy) dafür, ihm Model zu sitzen, aber auch für anderes. Seine Frau Annette hat zwar auch einen Geliebten, aber so recht glücklich scheint sie mit der Anordnung dennoch nicht zu sein. Mehr als ernste Blicke gönnt ihr Stanley Tucci jedoch nicht, der sich in seiner inzwischen fünften Regiearbeit damit begnügt, lose Szenen aneinanderzureihen, die am Ende kaum mehr als eine Studie abgeben.

Immer wieder verschob Lord seinen Rückflug nach Amerika, um Giacometti mehr Zeit zu geben, das Porträt fertigzustellen. Und das, obwohl Giacometti immer wieder betont, dass ein Gemälde, ein Kunstwerk niemals ganz fertig ist, sondern immer weiterentwickelt, immer mehr perfektioniert werden kann. Irgendwann war jedoch auch Giacometti fertig, so wie Tucci, der seinen Film vielleicht ganz bewusst ohne große Höhepunkte erzählt und damit in gewisser Weise seinem Sujet entspricht: Einer Fußnote der Kunstgeschichte, die ein berühmtes Bild hervorbrachte und in jedem Fall Kunst- und Giacometti-Liebhaber einen interessanten Einblick in das Wesen des Künstlers und der Kunst vermittelt.


Michael Meyns