HANNAH ARENDT


FILMKRITIK:

Argentinien im Sommer 1960. Langsam fährt ein Lastwagen nachts eine einsame Schotterstraße entlang. Plötzlich springen zwei Männer aus dem Wagen. Sie zerren einen überraschten Fußgänger ins Auto. Es ist Adolf Eichmann, gefangengenommen von Agenten des israelischen Geheimdienst Mossad. Der SS Obersturmbandführer, der unter dem Namen Ricardo Klement in Südamerika untertauchen konnte, organisierte ehrgeizig die europaweite Deportation der Juden in die Massenvernichtungslager. Er war somit verantwortlich für den Mord an sechs Millionen Juden.

In ihrem New Yorker Exil beugt sich Hannah Arendt (Barbara Sukowa) beim Frühstück über die Schlagzeilen in der Morgenzeitung. „Ich würde mir das nie verzeihen, wenn ich diese Gelegenheit nicht wahrnehmen würde“, versucht sie ihrem Mann Heinrich (Axel Milberg) nach der Lektüre klarzumachen. Die leidenschaftliche deutsch-jüdische Denkerin, die selbst nur knapp den NS-Schergen entkam, schont sich nicht. Sie will dem Grauen der Nazizeit noch einmal ganz konkret begegnen, um zu verstehen. Denn endlich sollte der Cheforganisator der Deportationen in die Todeslager seine gerechte Strafe finden, sollte einer der Hauptverantwortlichen für den Massenmord an den europäischen Juden im jüdischen Staat gerichtet werden.

Als amerikanische Reporterin für das renommierte US-Magazin „ The New Yorker“ fährt sie Anfang April 1961 zum Prozess nach Jerusalem. Engagiert protokolliert die Kettenraucherin das Verfahren. Immer wieder verblüfft sie das Auftreten von Hitlers penibelsten Bürokraten. Sie kann im verschlagenen „Buchhalter des Todes“ nicht das furchterregende Monster entdecken. Der beflissene Technokrat mit der schnarrenden Stimme wirkt erschreckend harmlos. Für die aus der Normalität geborenen Gräueltaten des NS-Funktionärs, denen offensichtlich deutsche Sekundärtugenden zugrunde liegen, fehlen ihr zunächst die Worte.

Zurück in New York kämpft sie mit ihrem Material. Als Erklärungsmodell formuliert sie schließlich ihre These von der „Banalität des Bösen“. Sie erkennt im berechnenden Organisator des Holocausts, der sich beleidigt, endlos schwafelnd hinter seiner Beamtensprache versteckt, jede Verantwortung von sich weist, den autoritätshörigen Schreibtischtäter, der seine Befehle gehorsam befolgt und bestmöglich ausführen will. Doch diese Sicht auf den überzeugten Nazi bezahlt die mutige Philosophin teuer. Weltweit löst die kompromisslose Schriftstellerin damit eine Welle der Entrüstung aus. Sie wird beschimpft, geächtet, angefeindet und verliert lebenslange Freunde.

„Es war bestimmt einer der schwierigsten“, sagt Regisseurin Margarethe von Trotta, „aber auch einer der wichtigsten Filme, die ich je gemacht habe“. Ein Wagnis, das ihr freilich, gelungen ist. Immer wieder investiert die 70jährige Autorenfilmerin par excellence ihre Energie in die Fiktionalisierung deutscher Geschichte. Angefangen mit dem Portrait der Schwestern Ensslin in die „Die bleierne Zeit“ über die Lebensgeschichte der sozialistischen Heldin „Rosa Luxemburg“ bis hin zur katholischen Mystikerin Hildegard von Bingen in „Vision“.

Dabei interessiert sich die Tochter einer deutsch-baltischen Aristokratin stets für starke, unabhängige Frauen. Kein Wunder, dass die 70jährige eine Auseinandersetzung mit einer der bedeutendsten Vordenkerin des 20. Jahrhunderts, die im Mittelpunkt einer der größten politischen Kontroversen ihrer Tage stand, reizt. Allein ihr kompromissloses und unangepasstes Denken macht sie zu einer aufregenden, schillernden und einzigartigen Persönlichkeit. Für ihre couragierte Regiearbeit besetzt von Trotta erneut die Fassbinder-Darstellerin und Gewinnerin der Goldenen Palme von Cannes Barbara Sukowa in der Hauptrolle, die nicht umsonst im Universum der Regisseurin einen besonderen Platz einnimmt.

Sie ist es, die der Philosophin emotionale Tiefe verleiht, die leidenschaftliche Intellektuelle als verletzliche, liebende Frau aufscheinen lässt. Ihr mutiger schauspielerischer Balanceakte zwischen verhaltenem Zorn, aufbegehrender Rebellion, stolzer Würde und überlegener moralischer Stärke überzeugt erneut. Die Kraft, die Barbara Sukowa vermittelt, rührt oft aus einer gesunden Skepsis, die mit unbeugsamem Willen einhergeht. Durch ihre langen Jahre am Theater ist es vor allem die ausdrucksstarke Mimik der einstigen Ikone des Neuen Deutschen Films, die im Gedächtnis bleibt. Mit ihrem raschem Griff zur nächsten Zigarette und dem unruhigen Blick ihrer melancholischen Augen verdeutlicht sie Hannah Arendts inneren Aufruhr und ihre Einsamkeit.

Aber auch die eingeschnittenen Originalaufnahmen in Schwarz-Weiß vom Eichmann-Prozess prägen sich ein. Eine Entscheidung, die sich auszahlt und begreifbar macht, warum Hannah Arendt zu ihrem Urteil kam und schrieb, dass vor dieser Mittelmäßigkeit „das Wort versagt und das Denken scheitert“. Für eine auch heute noch wichtige Auseinandersetzung mit ihren Thesen liefert das Drama einen entscheidenden Beitrag. Denn das Kapitel Eichmann, dessen Aufenthaltsort in Argentinien sowohl dem Bundesnachrichtendienst als auch der CIA damals seit Jahren bekannt war, ist auch heute noch keineswegs abgeschlossen.

Luitgard Koch