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FILMKRITIK:


Aus mondäner Perspektive senkt sich die Kamera auf ein modernes bürgerliches Schloss herab, ein zweiflügeliges Gebäude mit großzügiger Grünanlage, Karpfenteich und Pool, mit einem Seitenbauatelier, in dem die Dame des Hauses (Elsa Zylberstein) ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf lässt. Derzeit arbeitet sie an einer Kofferskulptur, eine moderne Allegorie auf Théodore Géricaults »Floß der Medusa«. Es sind die letzten Momente des unberührten Paradieses vor dem brutalen Einbruch der Wirklichkeit. Denn Jean-Etienne Fougerole (Christian Clavier) hat gerade ein Buch zur Lage der Nation veröffentlicht, einen Aufruf zu mehr Großzügigkeit, zur Bereitschaft, den Reichtum zu teilen mit denen, die weniger haben, Roma zum Beispiel, von denen es keineswegs so überwältigende Massen gebe, wie die Angstfranzosen immer behaupten. Was wäre, wenn man so einen bürgerlich Liberalen mal beim Wort nimmt? Genau das macht der Populist, gegen den Fougerole im Rahmen der Buch-Publicity-Tour im Fernsehduell antritt vor laufender Kamera. Aber selbstverständlich würde er so eine Roma-Familie bei sich aufnehmen, meint Jean-Etienne und gibt gleich noch vor Millionen Fernsehzuschauern seine Adresse raus. Willkommen bei den Fougeroles! Da hier eine brave Komödiendramaturgie waltet, steht am nächsten Morgen statt der befürchteten Massen nur ein einziger Clan samt Wohnwagen vor dem Tor, und das auch nicht, weil die Roma selbst auf die Idee gekommen wären, sondern weil sie von einem am Vorabend adoptierten, zwangsgeräumten Franzosen dazu angestiftet wurden.

Philippe de Chauveron konfrontiert (nach »Monsieur Claude und seine Töchter« und »Alles unter Kontrolle«) zusammen mit seinen Darstellern Ary Abittan und Christian Clavier bereits zum dritten Mal Franzosen und Europäer mit ihrem alltäglichen Rassismus. Da er damit aber auch Millionen von Zuschauern ins Kino locken will, piekst er ähnlich wie Simon Verhoeven in »Willkommen bei den Hartmanns« nur oberflächlich in den Wohlstandsbauch, ohne wirklich wehzutun. Vergeblich wünscht man sich, dass der Film mehr wagt, dass er frecher, roher, bissiger mit seinen Helden und dem Zuschauer umspringt. Weder die feinen Nuancen sind seine Sache noch die wirklich bösen Scherze, stattdessen laviert er etwas lauwarm herum.

So geht es zunächst auf dem gepflegten Rasen und bald auch in der durchgestylten Designerwohnung in den fröhlichen Kulturclash. Mit Champagner, edlem Käse und aparten Törtchen vom französischen Konditor rücken die Fougeroles zum Diner bei ihren Gartengästen an, die ihnen Maulwurfsgulasch, neunzigprozentigen Fusel und ausgelassene Musikweisen kredenzen. Vom Andere-Länder-andere-Sitten-Modus wechselt der Film bald ins Lager der überintegrierten Einwanderer, die ihren Status wehrhaft gegen andere Eindringlinge verteidigen, und dekliniert im Vorübergehen noch allerlei unangenehme Klischees über Schwule, indische Hausangestellte und Hausfrauenkunst durch.

Anke Sterneborg