I CAN ONLY IMAGINE


FILMKRITIK:

Mitte der 80er Jahre wächst Bart Millard im ländlichen Texas auf. Er ist ein Junge voller Phantasie und Ideen, die jedoch von seinem cholerischen Vater Arthur (Dennis Quaid) für Hirngespinste gehalten werden. Nicht seinen Träumen soll Bart nachlaufen, sondern sich Gedanken darum machen, wie er Geld verdienen kann.


Spätestens nachdem die Mutter die Familie verlassen hat wird Barts Leben zum einzigen Kampf gegen den Vater, der ihn schlägt und unterdrückt. Sobald er die High-School beendet hat flieht Bart und zieht nach Oklahoma City. Dort findet er, der inzwischen seine Lust am Singen und komponieren entdeckt hat, Anschluss an eine Band, die bald unter dem Namen MercyMe durch die Provinz tingelt. Doch noch haben sie, noch hat Bart nicht seine Stimme gefunden, nicht entdeckt, was ihn wirklich ausmacht. Erst ihr Manager Scott Brickell (Trace Adkins) erkennt das Talent des jungen Mannes, das immer wieder aufleuchtet. Doch erst als sich Bart seiner Vergangenheit gestellt und seinem Vater vergeben hat, kann er den Song schreiben, der ihn berühmt macht.


In zehn Minuten habe er „I Can Only Imagine“ geschrieben, einen Song, der 2001 veröffentlicht wurde und sich schnell zum erfolgreichsten Song des Genres Contemporary Christian Music, in etwa zeitgenössische christliche Musik, mauserte und nicht zuletzt bei Beerdigungen immer wieder gespielt wird. Denn der Song erzählt von der ersten Begegnung mit Jesus, die jeden guten Christen erwartet, die aber kaum vorstellbar ist.


So wie es Bart Millard beschreibt und der Film in lose biographischer, zwar zugespitzter, aber doch authentischer Weise erzählt, war es der Kampf seines Vaters mit dem Krebs, der ihn inspirierte. Spät fand der Vater zu Gott und wenn so ein Mann Gott finden kann, dann muss da was dran sein.


Ungebrochen erzählen die Brüder Erwin, die schon zuvor erfolgreich im Genre des christlichen Kinos gearbeitet haben, die Geschichte, geprägt von Momenten der Erleuchtung, Szenen, in denen Konzertbesucher mit ausgestreckten Armen der Musik lauschen, als würde Jesus persönlich zu ihnen sprechen.


Es wäre nun ein leichtes, sich über diese Bilder und Erzählung lustig zu machen, dieses Hochhalten von Glauben, von christlichen Werten ins Lächerliche zu ziehen. Aus zwei Gründen lohnt es sich jedoch, den Film ernst zu nehmen: Zum einen funktioniert „I Can Only Imagine“ als Film erstaunlich gut, ist gerade durch seine unsubtile, völlig ironiefreie Erzählweise berührend und ergreifend, gibt sich großen Gefühlen hin und scheut sich nicht davor, kitschig zu sein.


Zum anderen ist er ein Abbild eines Teils der amerikanischen Realität, die im Rest der Welt gerne ignoriert wird. Nicht der liberale Teil Amerikas wird hier gezeigt, nicht die Bewohner der Küsten, von New York oder San Francisco, nicht die Obama oder Clinton-Wähler, sondern das Herzland, die Konservativen, die Trump-Wähler. Es ist sicher nicht die Absicht des Films, doch in seiner Darstellung dieses Segments der amerikanischen Bevölkerung, die von konservativen Werten geprägt ist, oft evangelikalen Gruppen angehören, die die Evolutionstheorie, Homosexualität und Abtreibung für Teufelswerk halten, ist „I Can Only Imagine“ ein geradezu soziologisch interessantes Porträt dessen, was nicht unbedingt das wahre Amerika ist, aber doch ein wichtiger Teil.


Michael Meyns