ICH, JUDAS


FILMKRITIK:

Erlöser für alle

Ben Becker spielt im Berliner Dom "Ich, Judas" und setzt dabei ganz auf Emotionen. Der Jubel am Schluss hat trotzdem weniger mit der schauspielerischen Leistung zu tun.

Kaum eine Zeitung, der Ben Becker in den letzten Wochen kein Interview gegeben hat. Er sprach über das Leben nach dem Tod ("Ich denke, aus mir wird ein Gänseblümchen"), über Philosophie ("Ich bin eigentlich immer noch Kommunist") und über das harte Schauspiel-Business ("Ich habe es noch nicht nötig, mich bei ,Alarm für Cobra 11' über den Haufen fahren zu lassen."). Und er redete natürlich über sein Projekt "Ich, Judas". Im Berliner Dom trägt er einen Text von Walter Jens vor - auswendig, wie er betont: "Dass ich mir vorgenommen habe, den Judas-Text frei zu sprechen, das ist ein ganz schöner Hammer."

Die 1000 Plätze sind dann auch ausverkauft. Es gibt Programmzettel, auf denen steht, dass Ben Becker sich "in den Bannstrahl eines zweitausend Jahre alten Fluchs" begibt und dass das ein Ereignis ist. Entsprechend aufgeregt sind die Boulevardreporter. Sie fragen, ob sie wirklich nicht in den VIP-Bereich dürfen und ob "der Ben" nicht vielleicht doch noch für ein paar Fotos, nur ganz kurz? Nein, sagt die Pressedame freundlich, aber bestimmt, der Ben müsse sich konzentrieren.

Schließlich kommt er auf die Bühne. Älter als sonst sieht er aus. Gebeugt schlurft er zum Lesepult, er trägt einen Oberlippenbart und ähnelt seinem Stiefvater Otto Sander. Im weißen Leinenanzug steht er im Altarraum, um ihn herum Gold, Marmor, Kerzen. Erst liest er aus dem Matthäus-Evangelium, dann aus dem Roman "Judas" von Amos Oz. Aber man hat Mühe, ihm zu folgen. Er spricht überbetont und salbungsvoll, mehr am Klang des einzelnen Wortes interessiert als am Gedanken eines Satzes.

Auch die Akustik ist gegen ihn. Die Mikrofonverstärkung und der Hall verhindern, dass nach der fünften Reihe mehr als ein breiiger, schwer verständlicher Klang ankommt. "Lauter!", rufen ein paar Zuschauer. Und Ben Becker zeigt, was sein Bass kann. Es geht um Judas' letzten Abend vor seinem Selbstmord. Dem komplexen Roman, der anhand von Judas' Geschichte auch den Nahostkonflikt verhandelt, wird dieser Auszug nicht gerecht. Die blumige Sprache von Amos Oz verleitet Becker zu illustrierenden Gesten und einem pathetischen Sprechsingsang.

Anders bei Walter Jens. Im zweiten Teil des Abends - nach einer Orgelimprovisation - spielt Ben Becker Auszüge aus Jens' Monodrama "Ich, ein Jud". In dem Text verteidigt sich Judas Ischarioth gegen das Urteil, das die Geschichte über ihn gefällt hat. Die Sprache ist klar, die Argumentation auch. "Ohne Judas kein Kreuz. Ohne Kreuz keine Kirche. Ohne Kirche keine Überlieferung." Judas sieht sich nicht als Verräter, sondern als Erfüller eines göttlichen Plans, als zweiter Messias.

Beckers Rolle in der Öffentlichkeit überschneidet sich mit der Figur

Ben Becker wirkt befreit. Das Pathos ist weg, zwischendurch klingt er erfrischend trocken. Barfuß und mit wallendem weißen Mantel tigert er über die Altarstufen und ins Kirchenschiff; er haut mit der Faust auf einen Tisch und brüllt, bis er Schaum vorm Mund hat. Man kann hier einem Schauspieler zuschauen, der zu 100 Prozent über ein Gefühl geht. Es ist eine gute Leistung - und doch keine, die die Ovationen am Ende erklärt.

Der Stellvertreter

Die Begeisterung hat wohl mit der Überschneidung von Figur und Schauspieler zu tun. Judas, heißt es bei Walter Jens, sei stellvertretend für alle Menschen gefallen. Auch der Prominente Ben Becker fällt immer wieder in der Öffentlichkeit. An seinen Drogenexzessen, Hitlergrüßen und Böhse Onkelz-Auftritten weiden sich nicht nur Boulevardmedien. In Zeiten, in denen öffentliche Fehltritte selten geworden sind, ist Ben Becker mit seiner breitbeinigen Männlichkeit zum Symbol geworden; zu einem, der stellvertretend für alle um Erlösung ringt und immer wieder scheitert.

Von Mounia Meiborg, sueddeutsche.de