JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER


FILMKRITIK:

Eines Tages wird auf der kleinen Insel Lummerland ein Paket angespült in dem die Bewohner - Frau Waas (Annette Frier), Herr Ärmel (Christoph Maria Herbst) Lukas, der Lokomotivführer (Henning Baum) und der König, Alfons, der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht) - ein kleines, schwarzes Kind finden. Jahre später ist dieses Kind zu Jim Knopf (Solomon Gordon) herangewachsen und macht sich bald mit Lukas und der Lokomotive Emma auf eine weite Reise. Eigentlich wollte Jim das Rätsel seiner Herkunft lösen, doch stattdessen landet das Trio zunächst im Chinesenreich Mandala, wo sie von der Entführung der Prinzessin Li Si (Leighanne Esperenzate) erfahren, deren Rettung fortan im Mittelpunkt steht. Auf ihrer abenteuerlichen Reise durchstreifen sie Wüsten, treffen auf den Scheinriesen Herr Tur Tur (Milan Peschl) und geraten schließlich in die finstere Drachenstadt.


„Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer, mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr.“ So beginnt eine der bekanntesten Melodien der deutschen Fernsehgeschichte, das Titellied von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ in der Version der Augsburger Puppenkiste. Besonders die farbige Version von 1977 (eine erste Version in schwarz-weiß wurde 1961, nur ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans von Michael Ende gedreht) zählt zum schönsten, was im deutschen Fernsehen zu sehen war und ist in unvermeidlicher Weise der Maßstab, an dem sich nun auch Dennis Gansels Realverfilmung messen lassen muss.


Ganz offensiv gehen Gansel und seine vier Drehbuchautoren diese Hürde an und verzichten dezidiert darauf, die Geschichte zu modernisieren. Zum Glück, denn man mag sich gar nicht vorstellen, wie es gewirkt hätte, wenn aus dem furchtbar freundlichen Jim Knopf der Vorlage, ein typischer, moderner deutscher Kino-Junge gemacht worden wäre, der Hip-Hop hört und die Erwachsenen mit flapsigen Sprüchen nervt.


So ist Jim (Solomon Gordon) jedoch Jim, mit dem typisch knallroten Pullover, der typischen Jeans mit dem Knopf am Hinterteil, dem typisch blauen Käppi und den typisch großen Augen, die haarscharf an einer Karikatur vorbeischrammen. Denn das ist das eine Problem, das aus der an sich richtigen und nachvollziehbaren Entscheidung der nicht Modernisierung auch folgt: Ein Weltbild auf dem Stand von 1960 durchzieht den Film, das besonders in der von grenzwertigen Stereotypen durchzogenen Schilderung des chinesischen Mandala unangenehm auffällt. Aber nun ja, im Kern ist „Jim Knopf“ natürlich ein Märchen, das von Freundschaft und Werten erzählt und mit der unbändigen Phantasie von Michael Ende in eine fabelhafte Welt entführt.


Das tut auch Dennis Gansels Film, dem man ansieht, mit welchem Aufwand er produziert wurde, der es aber trotz seiner schwelgerischen Landschaftsaufnahmen und der bombastischen Ausstattung schafft, nicht zum puren Spektakel zu verkommen. Denn im Kern ist auch diese Neuverfilmung von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ bei allem Aufwand die rührende Geschichte einer Freundschaft zwischen Waisenkind, Lokomotivführer und Lokomotive.


Michael Meyns