LADY BIRD


FILMKRITIK:

Vermutlich ist LADY BIRD schon jetzt eines der höchstdekorierten und bestbewerteten Werke der Filmgeschichte – die Liste der Auszeichnungen und Nominierungen sprengt den Rahmen jeder Rezension. Dazu lässt sich sagen: Jeder einzelne Preis, jedes noch so große Lob ist verdient! Denn die Geschichte um Christine, die sich Lady Bird nennen lässt, wird so realistisch wie bezaubernd erzählt, sie ist herausragend gespielt, die Dialoge sind witzig, lakonisch und berührend, die Bilder sind natürlich. Also kurz und gut: Dieser extrem sympathische Film überzeugt in jeder Hinsicht und könnte sich zum Kino-Frühlingshit entwickeln. Ein Highlight ist er jetzt schon.


LADY BIRD ist ein schlicht und ergreifend grandioser Film mit einer hoch begabten, jungen Schauspielerin, Saoirse Ronan, in der Hauptrolle. Diese Konstellation erinnert zeitweilig stark an Dustin Hoffmann in DIE REIFEPRÜFUNG. Bekanntlich war dies seinerzeit der Start einer Weltkarriere … Saoirse Ronan (gesprochen in etwa: Schirse Rounen) spielt die 17-Jährige mit Grazie, Power und kämpferischem Elan. Es gelingt ihr mühelos, die gesamte Bandbreite an verwirrten Gefühlen darzustellen, die einen Teenager erfüllen, obwohl sie im wahren Leben bereits Mitte 20 ist – eine hübsche Parallele zu Dustin Hoffmann, der schon 30 war, als er den 21-jährigen Benjamin spielte. Hier wie dort geht es um die Rebellion gegen Eltern und Traditionen, um Freiheit und Selbstbestimmung. Greta Gerwig lässt ihren Film im Jahr 2002 spielen – eine ebenso naheliegende wie gute Idee, wodurch sie eigene Jugenderinnerungen mit einbauen kann: die katholische High School, wo Lady Bird mehr mit intelligenten Streichen auffällt als mit ihren Leistungen. Hier herrschen Zucht und Ordnung wie zu Zeiten von Mrs. Robinson: Miniröcke sind verpönt, Gottesdienste und Gebete sind Pflicht, ebenso ein Vortrag über Abtreibungen, bei dem Lady Bird als einzige wagt, den Mund aufzumachen.


„Anybody who talks about California hedonism has never spent a Christmas in Sacramento.” Frei übersetzt: „Jeder, der über kalifornische Lebensfreude spricht, hat noch nie Weihnachten in Sacramento verbracht.“ Dieser Satz der Schriftstellerin Joan Didion steht über dem gesamten Film. Er nimmt einiges vorweg: die provinzielle Engstirnigkeit wird ebenso angekündigt wie der bissige Humor, den Lady Bird von ihrer Mutter geerbt hat. Die beiden sind sich ähnlicher, als sie es wahrhaben wollen. Laurie Metcalf spielt die von Geldsorgen geplagte und vermutlich auch deshalb so energische Mama, die als Krankenschwester Doppelschichten schiebt, weil ihr Mann arbeitslos geworden ist. Diese Mutter wirkt manchmal beängstigend, manchmal verbissen, meist sehr straight und streng, doch im Grunde liebt sie ihre Tochter von ganzem Herzen, auch wenn sie sich an ihr die Zähne ausbeißt, was im Übrigen auf Gegenseitigkeit beruht. Lady Birds Vater Larry, den Tracy Letts mit leiser Melancholie spielt, ist da eher der verständnisvolle Part – die Tochter vertraut ihm mehr als der Mutter. Lady Birds Zuhause ließe sich insgesamt durchaus als liebevoll bezeichnen, doch das Mädchen will raus hier. Vielleicht ist sie einfach gelangweilt von der Provinz und von den Menschen hier, vielleicht hat sie Angst davor, hier zu bleiben und mit einem vorgezeichneten Lebensplan zu enden: Sie träumt von der Ostküste der USA, wo es mehr Kultur und mehr Freiheit gibt als im miefigen Sacramento. Die erste Liebe, das erste Mal, Zoff in der Schule, Streit mit dem Bruder, der Freundin und vor allem mit der überstrengen Mutter … all das sind bekannte pubertäre Begleiterscheinungen, doch wie Greta Gerwig daraus eine kluge, witzige Geschichte webt, ist so charmant wie elegant konstruiert, dabei bleibt sie ganz und gar realistisch, sie verklärt weder die Pubertät noch ihre Heldin, sondern zeichnet ein facettenreiches, intensives Bild ihres Charakters. Dabei verzichtet sie auf überflüssige Worte, wo ein paar kurze Blicke ausreichen. – Wenn Lady Bird in Begleitung ihres Freundes Danny das erste Mal den Gitarristen Kyle sieht, ist die gegenseitige Anziehungskraft sofort zu spüren. Auch wenn beide eine Enttäuschung werden, wird Lady Bird daraus lernen. Dieses Mädchen mit den schlaksigen Bewegungen, die trotzdem irgendwie graziös wirken, ist so schnell im Denken wie im Sprechen. Die Intelligenz blitzt ihr aus den Augen. Lady Bird will sich nicht anpassen, sie will anders sein, sie stellt Ansprüche, scheitert dabei hin und wieder, gelegentlich sogar vorhersehbar, aber sie steht immer wieder auf, berappelt sich und wird dabei erwachsen. In Saoirse Ronans blassem Renaissancegesicht, das mit dem Hollywood-Schönheitsideal ungefähr so viel zu tun hat wie ein Vergissmeinnicht mit einem Rosenbukett, spiegelt sich die alterstypische Unsicherheit ebenso wie ihr Mut, die Welt für sich zu entdecken. Und es macht sehr viel Spaß, sie dabei zu begleiten.


Gaby Sikorski