LETZTE TAGE IN HAVANNA


FILMKRITIK:

Für die Situation des historischen Umbruchs und der Liminalität findet Perez ein eindrucksvolles Bild: Das Schlafzimmer eines Sterbenden. Diego (Jorge Martinez) blickt auf sein Leben zurück, das sich in seinen Erzählungen, Wutausbrüchen und Fantasien zeigt. Ein Großteil des Films verharrt in jenem heruntergekommenen Zimmer, das an der Grenze zwischen Schlaf und Erwachen, Leben und Tod zum Schauplatz immer neuer inneren Bilder wird, die in den Zuschauern beschworen werden.

Diegos Körper ist von seiner HIV-Erkrankung ausgezehrt, sie zeigt ihn in einer bedingungslosen Lebenshungrigkeit, die keine Reue oder Scham zu kennen scheint.

Einen Gegensatz dazu bildet der schweigsame Miguel (Patricio Wood), der seinen Gefährten mit stoischer Ruhe pflegt und dessen Beschimpfungen und Provokationen ertragen muss. Die Verbundenheit der beiden scheint so tief in einer entfernten Vergangenheit zu liegen, dass sich ihr gemeinsames Leben kaum erklärt, außer über Schuld und Verschuldung. Als Tellerwäscher schlägt sich Miguel durch und verfolgt dabei auf dem kleinen Röhrenfernseher in der Küche einige US-Sender, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Diego hat zwar noch eine Wohnung, kann diese jedoch nicht mehr verlassen. Das völlig überfüllte Mietshaus zeichnet ein beinahe apokalyptisches Bild aus Geschrei und Gezeter, strömendem Regen und perspektivlosen Bewohnern.

Und dennoch gibt es das alte, mystische Kuba, an das wir so viele Fantasien hängen. Es blitzt immer wieder auf in Perez grabesschwerer Inszenierung, verweigert sich dem Lauf der Zeit und der neoliberalen Offensive, die Stück für Stück eine globale Anonymität an die Stelle der Ruinen setzt.

Diegos obszöne Tiraden, die seinen Freund nicht aus der Reserve holen, zeigen ihn zunächst als unsensiblen und unreflektierten Mann. Seiner Forderung nach einem jungen Stricher als Geburtstagspräsent kommt Miguel trotzdem nach.

Hier nimmt der Film jedoch eine unerwartete Wendung. Statt sich zu einer zermürbenden Beziehungsstudie zuzuspitzen, gelingt es Perez aus dem Schlafzimmer einen allegorischen Raum zu machen, in dem die vielen Facetten des jungen und alten Kubas Platz nehmen, uns an ihrem Blick auf die Veränderung des Landes teilhaben lassen.

Der junge Mann, den Miguel mitbringt, entblößt seinen Körper nicht, dafür jedoch seine Lebensumstände. Und letztlich ist es das, was Diego am meisten begehrt: Ein Gegenüber, das mit ihm spricht, ihm durch seine Geschichten wieder ein wenig Leben schenkt.

Immer mehr Menschen kommen zu Besuch in das gespenstische Apartment.

Diegos pubertierende Nichte, die auf der Flucht vor ihrer autoritären Mutter ist, Familienangehörige, die durch ihre Distanzierung von der Homosexualität deutlich machen, dass Kuba gar nicht so offen ist, wie das exotische Bild es uns vermitteln möchte, Nachbarn und Polizisten auf der Suche nach Gesprächen und Menschen.

Hier erinnert Perez Inszenierung stellenweise an die lebhaften und grotesken Momente einiger Almodovar-Komödien. Durch die hauptsächliche Beschränkung auf den einen Raum gewinnt der Film eine gewisse Theatralität, die in den gelungenen Momenten durch prägnante Dialoge kraftvoll wirkt – in den weniger geglückten zerfasert das Filmerlebnis für den Zuschauer und verharrt dabei in einer wenig bereichernden Düsternis.

Hier zeigt sich, dass Perez Stärke vor allem im Dokumentarischen liegt, weniger in seinen Figurenkonstruktionen. Das Einfangen der Atmosphäre von Niedergang und Übergang macht „Letzte Tage in Havanna“ zu einem eindringlichen Filmerlebnis, das die Beengtheit, den Schweiß und die Frustration erfahrbar macht, ebenso wie die Sehnsucht nach einem Aufbruch in ein neues und ungewisses Leben.

Silvia Bahl