LOVING VINCENT


FILMKRITIK:

Nicht nur die aufwändige, toll durchdachte Gestaltung machen diesen Film zu einem visuellen und sinnlichen Erlebnis der Extraklasse, sondern auch die – selbstverständlich frei erfundene – Handlung um die letzten Monate im Leben des Vincent van Gogh: Armand, der Sohn des Postboten Roulin, erhält von seinem Vater den Auftrag, Vincents letzten Brief an seinen Bruder Theo auszuliefern. Der Tod des Malers liegt schon einige Zeit zurück und Roulin, der ein guter Freund van Goghs war, hat schon mehrmals vergeblich versucht, Theos Adresse zu erfahren, um den Brief zuzustellen. Armand ist nur sehr widerwillig bereit, seinem Vater zu helfen. Bald darauf erfährt er, dass auch Theo mittlerweile verstorben ist. Doch nun hat er schon Feuer gefangen und setzt seine Detektivarbeit fort. Er begibt sich auf Vincent van Goghs Spuren, sucht die Menschen auf, mit denen der verkannte Maler zuletzt Kontakt hatte, und es dauert nicht lange, bis Armand durch diese Gespräche auf einen komplett neuen Gedanken kommt: Könnte es sein, dass Vincent van Gogh gar nicht Selbstmord begangen hat, sondern Opfer eines Verbrechens wurde?


Was für eine tollkühne Idee! Hammerharte Hochkunst, gepaart mit einer coolen Detektivstory um einen der berühmtesten Maler der Geschichte und seinen bis heute geheimnisumwitterten Tod. Das ist nur auf den ersten Blick eine gewagte Kombination. Auch der konservativste Kunsthistoriker wird sich besänftigen lassen, denn die Umsetzung spricht hier für sich. Auf der Grundlage zahlreicher Werke von Vincent van Gogh entstanden die farbigen Passagen des Films als animierte Ölgemälde: Felder mit wogenden Pinselstrichhalmen, wilden Wolkenbergen und rötlich flackernden Sonnenbällen; Stillleben, die plötzlich zum Leben erwachen; Porträts, die zu echten Menschen werden ... die Welt der Bilder eines Malers entsteht neu und wird zu einem optischen Feuerwerk, das monströs wäre, würde es sich um einen anderen Künstler handeln. Aber es ist eben Vincent van Gogh, dessen landschaftliche Farborgien ebenso stilbildend waren wie seine Menschenbilder. Sein Blick auf die Welt – im Schönen und im Schrecklichen – wird zum Blick des Publikums. Eher spielerisch und daher ebenso witzig wie ideenreich ist dabei die Nutzbarmachung von van Goghs Werken für die Story. Es gibt ein Wiedersehen mit bekannteren und unbekannteren Gemälden des Meisters, ob es nun das berühmte Weizenfeld ist, über dem die Krähen fliegen, oder das junge Mädchen am Klavier, Marguerite Gachet, die Tochter des Arztes Gachet, der van Gogh zum Ende seines Lebens betreute. Auch er wurde porträtiert, ebenso wie Armands Vater, der Postmeister Roulin, im Film wie im Leben vermutlich einer der wenigen Freunde van Goghs. Armand Roulin, sein Sohn, wurde übrigens als 17-Jähriger von ihm gemalt. Alles wird eingebaut, manches ganz unerwartet, anderes wieder passt absolut aufs i-Tüpfelchen genau in die Geschichte. Da alle Personen und Charaktere der Geschichte auf Gemälden von Vincent van Gogh wieder zu finden sind, ergeben die Bilder plötzlich Sinn und Zusammenhang, was noch ein zusätzliches Schmankerl für Film- und Kunstkenner darstellt, die sich auf ein paar hübsche Aha-Momente freuen dürfen. Auch insoweit gibt es also viel zu entdecken und zu staunen: eine Bilderreise durch ein Universum von Farben und Stimmungen.


Für die Erzählung selbst bedienen sich die Filmemacher eines Tricks: Alle Rückblenden, die den noch lebenden Vincent van Gogh in der Vergangenheit zeigen, sind Schwarz-Weiß-Zeichnungen, Armands Gegenwart und seine Recherchen sind in Farbe. So wird Armand schon rein optisch immer stärker in van Goghs Leben hineingezogen. Die unterschiedlichen Techniken wiederum machen den Film nicht nur dramaturgisch, sondern auch optisch interessanter. Die Schwarz-Weiß-Passagen haben deutlich mehr Tempo, sie sind detailreich und eher naturalistisch als expressiv, während die vielfarbig schillernden Ölgemälde stärker in sich selbst bewegt sind und deutlich emotionaler wirken.


Die Story vom verkannten und verfolgten Künstler, der zu Lebzeiten als verrückter Spinner verschrien war, ist beinahe flächendeckend bekannt – aber hier dreht es sich nicht nur darum, eine Biographie nachzuzeichnen. Bekannte Fakten werden neu ausgelegt, so die Freundschaft zu dem Arzt Gachet und zu seiner Tochter, der Mademoiselle Gachet auf van Goghs Bildern, die ebenfalls teilweise bei der Interpretation eine Rolle spielen. Tatsächlich versuchen die Filmemacher das noch immer aktuelle Geheimnis um van Goghs Tod aufzudecken. Ob und wie das geschieht? Das soll natürlich nicht verraten werden.


Klar ist vor allem eines: All das ist brillant und clever gemacht, für Hardcore-Kunstkenner vielleicht sogar ein bisschen gewagt, aber es macht einfach höllischen Spaß.


Gaby Sikorski