MAYBE, BABY!


FILMKRITIK:

Wenn Marie mit ihrem Lebenspartner Sascha ins Bett steigt, dann einzig zum Zwecke der Fortpflanzung. – Was vor allem im Sinne der katholischen Kirche ist, trifft kaum den Wunsch der beiden nach einem erfüllten Sexleben. Aber Marie und Sascha wollen beide unbedingt ein Kind, und so vollziehen sie den Akt mit deutlich mehr Entschlossenheit als Leidenschaft. Ihre Lüste befriedigt Marie woanders: bei Lukas, einem jungen Mann mit schönem Körper und schlichtem Gemüt. Die Überraschung ist groß, als Marie und Lukas bei der Anreise zum heimlichen Wochenende in ihrer Berghütte Sascha und Birgit antreffen, beide splitternackt. Denn auch Sascha hat sich anderweitig orientiert, wobei die eher stille Birgit keinesfalls dem Klischee vom Betthäschen entspricht. Der Sessellift ist außer Betrieb, und da sitzen sie nun: vier Erwachsene, die sich wechselseitig feindselig anstarren und ein ganzes Wochenende miteinander verbringen müssen. Das kann ja heiter werden!


Und das wird es tatsächlich. Julia Becker, die bisher vor allem als TV-Schauspielerin bekannt war, hat die Komödie um ein frustriertes Langzeitpaar mit Kinderwunsch selbst geschrieben, inszeniert und über Crowdfunding mitfinanziert. Sie spielt die Hauptrolle der Marie taff und souverän, oft witzig und gelegentlich mit feiner Sensibilität, wo es denn passt, glücklicherweise ohne Schmalz und Sentimentalität. Ihre Mitstreiter Marc Ben Puch als seriöser Gefährte Sascha und Christian Natter als knackiger Lover Lukas stehen ihr in nichts nach. Lediglich Charlotte Crome als Birgit kommt ein wenig zu kurz in ihrer Rolle, macht aber einen guten Job als Singlefrau mit Sehnsüchten.


Auch wenn Julia Becker ihre darstellerischen und inszenatorischen Aufgaben mit großenteils bewundernswerter Vielseitigkeit erfüllt, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Plot an sich wenig Überraschungen bietet und das Drehbuch hier und da Schwächen zeigt. Manches wirkt ziemlich konstruiert, so die Begegnung der beiden nackten Paare in der Almhütte. Das Ende der Geschichte ist dann wirklich vorhersehbar. Schade! Die Autorin lässt einige Gelegenheiten aus, ihre Story komödiantisch auszuschöpfen und richtig in die Vollen zu gehen. So entwickelt sich das Wochenende auf dem Berg zu einem beinahe soften Kammerspiel. Vordergründig geht es um den Bestand einer Beziehung, tatsächlich aber um die Entscheidung, wie man leben möchte. Immer wenn es tiefsinnig wird, bleibt die Komik auf der Strecke, und es entstehen Längen. Offenbar vertraute Julia Becker darauf, dass die ungeplante Viererkonstellation originell und absurd genug sein würde, um die komischen Weichen für die gesamte Handlung zu stellen. Tatsächlich wirkt der Film in seiner Dreiteilung nun leicht unproportioniert. Der Beginn ist noch sehr zügig und führt schnell auf den Berg und in die Hütte. Doch nach dem Wochenende benötigt Julia Becker sehr viel Filmzeit bis zum absehbaren, ziemlich braven Ende. Dass die Künstlerin zu deutlich mehr fähig ist, zeigt sie in ihren Dialogen, die allesamt gelungen sind, sobald sie in Richtung Wortwitz laufen. Da stimmt das Timing bis ins Detail, die Gags fallen treffsicher, die Witze kommen an. Der Soundtrack ist ebenfalls gelungen: Deutsche Indie-Bands liefern peppige Songs, die zusätzlich Schwung und Tempo in den Film tragen, der mit seiner Lässigkeit und Authentizität einiges wiedergutmacht, was ihm an dramaturgischer Finesse fehlt. Insgesamt ist der kleine Film für und über Thirtysomethings durchaus unterhaltsam und macht neugierig auf weitere Regiearbeiten von Julia Becker.


Gaby Sikorski