MISS SLOANE - DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT


FILMKRITIK:

Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) ist Lobbyistin der Extraklasse. Jeden Trick des Gewerbes, egal ob legal oder schmutzig, beherrscht sie, manipuliert die öffentliche Meinung wie keine Zweite, kann Gesetzesvorhaben durchbringen, Karrieren machen oder beenden und steht nun vor einer Herkulesaufgabe: Ein Gesetz für strengere Waffengesetze soll vom Kongress verabschiedet werden, dafür wurde Sloane von der Firma Rudolfo Schmidts (Mark Strong) angeheuert. Der ist einerseits fasziniert von den Fähigkeiten seiner neuen Chefstrategin, andererseits entsetzt von der Skrupellosigkeit, mit der Sloane auch die Schwächen ihrer Mitarbeiter ausnutzt, um ihr Ziel zu erreichen.


Doch hinter der kühlen, perfekt geschminkten Fassade, die in eleganten Kostümen auf Empfängen um das Gehör der Mächtigen buhlt, verbirgt sich eine zunehmend an ihrem Tun zweifelnde Person. Ein Privatleben hat Sloane nicht, Sex kauft sie sich von einem Escort, nur mit Pillen schafft sie es, wach und konzentriert zu bleiben und sieht sich nun vor dem scheinbar größten Problem ihrer Karriere: Einem Untersuchungsausschuss des Kongress, der ihr illegales Handeln vorwirft. Zum ersten Mal scheint Sloane nicht alles unter Kontrolle zu haben, doch auch dieses Bild täuscht.


Stilistisch ähnelt John Maddens Film den Paranoia-Filmen der 70er Jahre, eine Zeit, als das Vertrauen in das politische System ähnlich angeschlagen war wie heute. Damals waren es vor allem Männer, die in ausladenden Büroräumen, dunklen Tiefgaragen und betont kalten Glas- und Betonbauten intrigierten oder aufdeckten, nun steht eine Frau im Zentrum der Macht. Eine willkommene Abwechslung, zumal mit Jessica Chastain eine Darstellerin in die Rolle der Elizabeth Sloane schlüpft, die keine Scheu hat, die Abgründe ihrer Figur anzudeuten, die emotionalen, moralischen Kosten, die bei allem beruflichen Erfolg an ihr nagen.


Der Stakkatotempo, mit dem Sloane durch die Gänge schreitet, vor allem aber spricht, verweist dann auf das zweite große Vorbild des von Jonathan Perera geschriebenen Drehbuchs: Aaron Sorkin, den Autor der TV-Serien „West Wing“ und „The Newsroom“ und des David Fincher-Meisterwerks „The Social Network“. Berühmt wurde Sorkin durch seine rasanten, messerscharfen Dialoge, die so präzise, so pointiert sind, wie kaum ein Mensch tatsächlich spricht. Immer etwas zu geschliffen wirken diese Dialoge, die nach einer rasanten Inszenierung verlangen, die das überhöhte der Dialoge nicht kaschieren, sondern noch betonen.


Als wahrer Epigone des Meisters schert sich auch Perera wenig um Realismus, was eine ganze Weile auch gut funktioniert, zumal die Welt der Strippenzieher Washington DCs ohnehin wie losgelöst von der schnöden Realität erscheint. Mit zunehmender Länge dieser „Erfindung der Wahrheit“ wird jedoch deutlich, dass Perera und Madden weniger an einer skrupulösen Darstellung der zynischen Realität interessiert sind, sondern Anhänger liberaler Illusion sind. Und in dieser Welt - so illusionär es auch ist - siegt am Ende das Gute, opfern Menschen Karrieren, um der richtigen Sache (in diesem Fall schärferen Waffengesetzen) zu dienen, hier entdeckt die lange Zeit kalte Powerfrau dann doch noch ihr Herz.

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Michael Meyns