PAPST FRANZISKUS - EIN MANN SEINES WORTES


FILMKRITIK:

Der Himmel über Assisi klart langsam auf. Zwischen den Nebelschwaden wird allmählich die einstige Wirkungsstätte jenes rigorosen Ordensgründers Franziskus sichtbar, der zum programmatischen Namensgeber des aktuellen Papstes werden sollte. „Was ist denn Zeit?“, fragt Wenders aus dem Off das Publikum. „150 Tier- und Pflanzenarten sterben jeden Tag aus!“, klagt der Regisseur: „Was sollen wir tun? Wir sollen wir leben?“. Dann folgt eine Stummfilmsequenz (gedreht mit einer originalen Handkurbelkamera aus den 1920er Jahren!), wie jener Franz von Assisi als Erneuerer der Kirche antrat und schon damals den Respekt vor der Natur forderte. Szenenwechsel. Weißer Rauch. Euphorische Menschenmengen auf dem Petersplatz. Wiederum Wenders als Komplize des Zuschauers: „Ja, hier stehen wir alle miteinander. Mit großen Erwartungen an den Papst!“.


Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio, anno 2013 zum 266. Bischof von Rom und Papst gewählt, kann gut mit Kindern - das zeigt eine amüsante Frage-Antwort-Sequenz gleich zu Beginn. Und der 81-Jährige kann gut mit Menschen jeglicher Hautfarbe oder Religion. Ob mit Häftlingen. Opfern von Naturkatastrophen. Flüchtlingen. Oder Überlebenden des Holocaust. Als argloser Menschenfänger rührt er selbst abgebrühte Abgeordneten im US-Kongress zu Tränen - um ihnen wenig später die Verwerflichkeit von Waffenexporten um die Ohren zu hauen. Dass er in der Wagenkolonne statt mit protziger Panzerlimousine mit einem schlichten Fiat 500 vorfährt, macht selbst schlagfertige US-Kommentatoren sprachlos. Solche Symbolik der Demut ist diesem Papst freilich so wichtig wie die Fußwaschung von Sträflingen - und sie lässt die griesgrämigen Gesichter seiner Bischofs-Bonzen im Petersdom noch versteinerter wirken. Ein geradezu himmlischer Anblick, wenn der Oberhirte von seinen Würdenträgern im prunkvollen Marmor-Saal mit gewohnt fröhlichem Lächeln ein „Ende der Trauerminen“ einfordert - solche Szenen hätte „The Da Vinci Code“ kaum unheimlicher inszenieren können!


„Es ist auch für Kritiker der Kirche völlig ungefährlich, sich diesen Film anzusehen“, verspricht Wenders. Tatsächlich dürften viele Forderungen des Papstes auch von einer Sahra Wagenknecht oder einem Robert Habeck abgesegnet werden. Den Raubbau der Erde schnellstens verhindern! Der Profitgier der Konsumgesellschaft begegnen! Die eklatante Ungerechtigkeit zwischen Armut und Reichtum beenden! Hunger bekämpfen! Waffenexporte verbieten! Toleranz der Religionen! Akzeptanz von Minderheiten! Was wie Wunschzettel auf einem Öko-Workshop beim Kirchentag klingt, meint das Oberhaupt der Katholiken absolut ernst. „Wir sind alle verantwortlich! Niemand kann sagen, ich habe damit nichts zu tun!“, kommentiert Franziskus rigoros die Lage. Er schaut dabei dem Publikum direkt in die Augen. Wie schon in „Salz der Erde“ sorgt die besondere Kameratechnik namens Interrotron sorgt für diesen Spezialeffekt: Der Befragte blickt auf eine Art umfunktionierten Teleprompter, auf dem er das Gesicht des Interviewers sieht, als ob dieser vor ihm säße. Gleichwohl sieht er durch ihn hindurch direkt in die Kamera.


Nicht nur solchen Augenkontakt findet Franziskus ganz entscheidend im menschlichen Umgang, fordert ihn ganz ausdrücklich bei seinen Priestern ein. Auch sonst hat dieser Papst ein paar Lifehacks parat. „Wann hast du zum letzten Mal mit deinem Kind die Zeit vertrödelt?“ habe er etwa einst bei jeder Beichte die verblüfften Eltern gefragt. Zärtlichkeit sei keine Schwäche, sondern eine Stärke, gibt er zu Protokoll. Echtes Lächeln und Sinn für Humor seinen essentiell für jeden Menschen sein.


Wer ein bleiernes Wort zum Sonntag oder eine verquaste Predigt befürchtet, wird nach diesem Porträt widerrufen müssen. Kein selbstgefälliger Phrasendrescher im theologischen Elfenbeinturm ist dieser Franziskus, sondern ein radikaler Reformer, der seine Bodenhaftung nie verloren hat. Jenem einfältigen „America First“ setzt er, kurz vor dem Pariser Klimagipfel, ein auf den Petersdom projiziertes „Nature First“ entgegen. Einem Präsidenten Erdogan schenkt er während dessen Besuch trotzig einen Friedensengel. Für sexuellen Missbrauch in seiner Kirche fordert er Null Toleranz. Die jedoch verlangt er im Umgang mit Minderheiten sowie der Religionen untereinander.


„Wir sind Papst“ bekommt bei Wenders eine ganz neue Bedeutung. Am Ende gibt Franziskus sogar noch ein persönliche Geheimnis preis - das natürlich nicht verraten werden kann. Beim Thema Spoiler gilt es schließlich, päpstlicher als der Papst zu sein!


Dieter Oßwald