SENORA TERESAS AUFBRUCH IN EIN NEUES LEBEN


FILMKRITIK:

„Wenn Du glaubst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“ - solch optimistische Philosophie gehörte bislang kaum zur Lebenserfahrung der 54-Jährigen Teresa (Pauline Garcia). Brav und ohne Murren hat sie sich stets in ihr Schicksal gefügt. Nachdem sie plötzlich ihren langjährigen Arbeitsplatz als Hauswirtschafterin verliert, begibt sie sich klaglos zu einem neuen Job ins weit entfernte San Jose. Doch ihr Bus hat mitten in der Wüste eine Panne. Im nächsten Dorf erfahren die Reisenden, dass die Weiterfahrt erst am nächsten Tag erfolgen wird. Auf der Suche nach einem Telefon gerät Teresa in die Hände des aufdringlichen El Gringo (Claudio Rissi), einem fliegenden Händler, der ihr ein Kleid aufschwatzen will. Widerwillig lässt sich die Gestrandete zur Anprobe im Caravan des Verkäufers überreden. Ein plötzlich aufkommender Sturm sorgt für großes Chaos auf dem kleinen Markt. Kaum hat die Kundin den Caravan verlassen, fährt der Händler hektisch davon. Zu spät bemerkt Teresa, dass sie ihre Reisetasche mit sämtlichen Wertsachen im Fahrzeug vergessen hat.


Nach einer Nacht auf einer unbequemen Bank macht sich die mittellose Frau auf die Suche nach dem Verkäufer. Eine kleine Odyssee beginnt, die am Ende tatsächlich zu dem Caravan führt. Doch von der Tasche fehlt jede Spur. In der verzweifelten Lage erweist sich El Gringo als echter Gentleman. Er bietet an, gemeinsam all seine Verkaufsorte vom Vortag abzuklappern, vielleicht geriet die Tasche beim Ausladen unbemerkt in seine Ware. Zögernd ergreift Teresa den Strohhalm, ihre Habseligkeiten wieder zu finden. Die Suche beginnt mit einer Serie von Misserfolgen, dafür kommt sich das Duo bei diesem Road-Trip durch die Wüste langsam immer näher. Dann allerdings sorgt eine Überraschung für eine neue Wendung der aufblühenden Lovestory.


Die Regisseurinnen Atán und Pivato gönnen sich bei ihrem Spielfilm-Debüt den Luxus des ruhigen Erzählens und behutsamen Beobachtens. Trotz solcher Langsamkeit kommt keine Langeweile auf, kleine Überraschungen halten die Dramaturgie ständig in Schwung. Sei es durch Teresas Begegnungen mit Fremden, bei denen die schüchterne Heldin regelrecht aufblüht. Oder mit Rückblenden, bei denen wenige Federstrichen ihr Psychogramm skizzieren: Für das liebevolle Verhältnis zum erwachsenen Sohn etwa genügt es, dass sie ihn zum Abschied an den Türrahmen stellt, um wie in Kindheitstagen mit einem Bleistift seine Größe zu markieren.


Wie schon in „Gloria“, gelingt es Pauline Garcia, ihre Figur mit kleinen Gesten glaubhaft großes Leben einzuhauchen. Wenige Blicke genügen, um die Gefühle dieser verschlossenen Frau zu vermitteln. Widrigkeiten des Lebens erträgt sie stets klaglos mit stoischer Ruhe. Umgekehrt werden auch die neuen Glücksmomente zunächst mit leiser Bescheidenheit quittiert. Und plötzlich blüht diese Heldin auf wie das berühmte Blumenmeer der Atacama-Wüste.


Visuell vermag das weibliche Regie-Duo gleichfalls zu überzeugen. Jene Parkbank, auf der Teresa die Nacht verbringt, steht vor einem fast surreal wirkenden roten Gebäude mit riesengroßer Toiletten-Aufschrift. Als sie den Verkäufer ausfindig macht, wirkt die Totale wie der Showdown eines Widescreen-Western. Das intime Gespräch das Pärchens in einer Bar mit rotem Fensterrahmen erinnert an ein Gemälde von Edward Hopper. Last not least gibt es zum verblüffenden Schluss noch einen Heiligenschrein der ganz besonderen Art - Olé!


Dieter Oßwald