SO VIEL ZEIT


FILMKRITIK:

Rainer (Jan Josef Liefers) ist über fünfzig, und das ist so ein Alter, in dem man zurückblickt und für sich Rechenschaft ablegt: Was hat man erreicht? Was hat man verpasst? Und was könnte man noch auf die Beine stellen? Rainers Bilanz fällt düster aus: Seine Frau ist weg, einfach gegangen, und sein Sohn kann ihn nicht leiden. Und dann ist da noch ein Trauma aus der Vergangenheit, dass Rainer keine Ruhe lässt: Vor 30 Jahren hätte er mit seiner Band „Bochums Steine“ den Durchbruch schaffen können. Doch damals hat er auf offener Bühne einfach die Brocken hingeworfen. Seine Bandkollegen Bulle (Armin Rohde), Konni (Matthias Bundschuh), Thomas (Richy Müller) und besonders Ole (Jürgen Vogel) haben ihm das nie verziehen, auch nicht ihr damaliger Manager Oehlke (André M. Hennicke). Ausgerechnet jetzt erfährt Rainer, dass er nicht mehr lange zu leben hat - Gehirntumor. Anstatt Trübsal zu blasen, verfolgt Rainer nur noch ein Ziel: das Comeback von „Bochums Steine“. So klappert er einen Bandkollegen nach dem anderen ab, um ihn vom Mitmachen zu überzeugen. Doch Bulli, Konni, Thomas und Ole haben ihre eigenen Probleme. Und: Sie sind verdammt nachtragend…


„So viel Zeit“ beruht auf dem gleichnamigen Roman von Frank Goosen („Liegen lernen“). Der Kultautor erzählt darin die Geschichte von fünf Freunden, die 25 Jahre nach dem Abitur eine Band gründen, um das Abi-Jubiläum zu rocken. Drehbuchautor Stefan Kolditz hat die Story in wichtigen Punkten abgewandelt, durch den bevorstehenden Tod von Rainer, den vermasselten Auftritt von damals und die Feindschaft der Bandmitglieder kommt reichlich Pathos in den Film, die Themen um verpasste Chancen, Lebenssinn und die Fallstricke des Älterwerdens klingen nur noch leise an. Stattdessen präsentiert Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) Charaktere, die vom Drehbuch nur unzureichend umrissen wurden, sie besitzen weder Tiefgang noch Glaubwürdigkeit. Dass Armin Rohde mit langen Haaren und dickem Bauch als Zahnarzt arbeitet und dann auch noch das Schlagzeug malträtiert, kommt schon einer Karikatur gleich, ebenso Richy Müller, dessen Figur sich trotz des gesetzten Alters in der Rolle des Frauenverführers gefällt. André M. Hennicke gibt mit viel zu großer Brille, 80er-Jahre-Haarschnitt und geschmacklosen Klamotten den abgebrühten Musikmanager, für den nur Geld und Ruhm zählen. Für Rainers Krankheit findet der Film kaum Bilder, ein, zwei Zusammenbrüche, das muss reichen. Die existenzielle Not, schnell noch einen Lebenstraum zu verwirklichen, wird so nicht deutlich, seine privaten Konflikte, das Verhältnis zum Sohn vor allem, erzeugen weder Interesse noch Empathie. Im Roman hieß Rainers Band übrigens „Mountain of Thunder“ und haute ordentlich drauf. Hier gibt es nur angenehmen Pop-Rock zu hören, der niemandem weh tun will. Immerhin: Jan Josef Liefers, der mit seiner eigenen Band „Radio Doria“ regelmäßig tourt, vermittelt viel von der Freude, in einer Band zu spielen. Und die „Scorpions“ haben einen Kurzauftritt im Studio.


Michael Ranze