TANZ INS LEBEN


FILMKRITIK:

Eine Lebensveränderung erträumen sich viele Menschen, doch die wenigsten setzen den Gedanken in die Tat um. Oft braucht es dafür eine Anschubhilfe von außen. Bei der Protagonistin aus der Romantik-im-Alter-Komödie „Tanz ins Leben“ stellen eine Affäre des Ehemanns, der Umzug zur freigeistigen Schwester und die Tanzstunden mit einem netten Rentner die Weichen für den Neustart. Regisseur Richard Loncraine, der mit „Ruth & Alex – Verliebt in New York“ bereits ein Drama zum Thema Leben und Liebe im Alter gedreht hat, inszeniert daraus eine rührende Senioren-Romanze mit einem ausgewählten britischen Cast um Imelda Staunton („Another Year“), Celia Imrie („Best Exotic Marigold Hotel“) und Timothy Spall („Verleugnung“).

Nach 35 Ehejahren organisiert Sandra Abbott (Imelda Staunton) die Ruhestandsparty ihres Manns Mike (John Sessions), der als hoch dekorierter Polizeibeamter einen Adelstitel trägt. Während der Feier auf dem Abbott-Landsitz erfährt die Lady, dass Mike und ihre Freundin Pamela (Josie Lawrence) seit fünf Jahren miteinander ins Bett gehen. Enttäuscht verlässt Sandra den untreuen Gatten und zieht zu ihrer älteren Schwester Bif (Celia Imrie) nach London – und damit in eine völlig andere Welt. Denn wo Sandra verkrampft und blasiert auftritt, genießt die unkonventionelle Bif das Leben in vollen Zügen. Bif schleppt ihre stocksteife Schwester zu einem Senioren-Tanzkurs, wo die frisch Getrennte den charmanten Charlie (Timothy Spall) kennenlernt...

Zunächst erzählt das Filmskript von Meg Leonard und Nick Moorcroft („Die Girls von St. Trinian“) eine klassische „Fish out of Water“-Story, in der es die Hauptfigur in ein ungewohntes soziales Umfeld verschlägt. Die Wiederannäherung der ungleichen Schwestern steht im Mittelpunkt der Geschichte und eröffnet Sandra einen frischen Blick aufs Leben. Unverheiratet und ohne viel Geld, dafür aber mit befreiter Lebenslust gesegnet, inspiriert Bif ihre versnobte Schwester zur späten Selbstverwirklichung. Peu à peu trägt Sandra ihre Haare zerzauster, Friseur*innen würden sagen: flippiger, und tauscht ihre strengen Kostüme gegen legere Kleidung. Beim Tanzkurs, wo sie erst gar nicht hinwollte, kann Sandra ihr Strahlen schließlich nicht mehr verbergen.

Richard Loncraine erfindet das Rad der romantischen Komödie keineswegs neu. Stattdessen kombiniert der Regisseur Topoi des Genres, etwa den Tanzkurs als Motor der Romantik, die besinnliche Weihnachtszeit oder ein arges Missverständnis zu einem sehr musikalischen Seniorenfilm, der very british unterhält und das altersunabhängige Thema Sicherheit vs. Freiheit behandelt. Es gibt Kamerakräne, wo es keine braucht, viel sanfte Klaviermusik und eine Prise Schmalz, doch die Rührung entsteht vornehmlich von innen aus den Figuren heraus. Imelda Staunton und Celia Imrie überzeugen als die Lady und die Hippie-Dame, der heimliche Star des Films heißt aber Timothy Spall, der mit kleinen, punktgenauen Gesten tief blicken lässt.

Bei aller frohen Rührseligkeit zeigt „Tanz ins Leben“ auch die unschönen Aspekte des Älterwerdens. Charlies Frau leidet an Demenz und erkennt ihren Mann nicht mehr, sein Kumpel betrauert den Tod seiner großen Liebe. Auch eine Krebsdiagnose oder die Einladung zur nächsten Beerdigung wundern im Rentenalter niemanden mehr. Umso wichtiger scheint es, eigenen Impulsen zu folgen. Einmal meint Sandra, ihr Ehemann habe sie fünf Jahre lang betrogen – sie selbst sich aber 35 Jahre lang. Der Schicksalsschlag avanciert zum Befreiungsschlag: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Christian Horn