THE BIG SICK


FILMKRITIK:

Kumail (Kumail Nanjiani) lebt als Sohn pakistanischer Einwanderer in Chicago. Für den Broterwerb fährt er Taxi und strebt parallel eine Karriere als Stand-up-Komiker an. Bei einem seiner Auftritte lernt der junge Mann die Psychologiestudentin Emily (Zoe Kazan) kennen, mit der er nach ein paar Dates zusammenkommt. Seiner Familie verschweigt Kumail die Beziehung jedoch. Denn während er selbst sehr amerikanisch lebt, hält seine Familie an traditionellen Werten fest.


Kumails Eltern Sharmeen und Azmat (Zenobia Shroff, Anupam Kher) wünschen sich für den Sohn eine solide Karriere als Jurist oder Arzt und wollen für ihn eine Ehe mit einer Muslimin arrangieren. Als Emily das herausfindet, macht sie Schluss und wird kurz darauf wegen einer mysteriösen Virusinfektion ins künstliche Koma versetzt. Im Krankenhaus lernt Kumail ihre Eltern Beth und Terry (Holly Hunter, Ray Romano) kennen und beginnt, seine Gefühle für Emily und die vertrackte Beziehung zu seiner Familie zu hinterfragen.


Die größte Qualität des tragikomischen Liebes- und Lebensdramas liegt in der unmittelbaren Nähe zu den Figuren. Mit einer unaufdringlichen Inszenierung bereitet Regisseur Michael Showalter dem punktgenauen Spiel aller Akteure und den geschliffenen Dialogen eine Bühne. Allmählich treibt der anfängliche Fokus auf Kumails und Emilys Kennlernphase Blüten und die Zweiergeschichte verästelt sich in mehrere pointierte Nebenplots. Alle Figuren, auch Kumails konservative Eltern, bleiben dabei ambivalent und vielschichtig.


Das Thema der kulturellen Unterschiede zieht sich in verschiedenen Formen durch die Handlung. Immer mal wieder wird der Terroranschlag auf das World Trade Center thematisiert, etwa, wenn Kumail und sein Bruder in einem Café die Blicke auf sich ziehen (Kumails schlagfertige Reaktion: „Wir hassen Terroristen“) oder Terry den Exfreund seiner Tochter recht ungelenk auf seine Meinung zu 9/11 anspricht.


Emilys Eltern begegnen Kumail anfangs mit Skepsis, erkennen aber bald seine lauteren Absichten. Zugleich enttäuscht der Einwanderersohn die Erwartungen seiner eigenen Eltern, die trotz ihrer traditionellen Wertvorstellungen Liebe und Geborgenheit ausstrahlen. Nach dem Motto „hart, aber herzlich“ verdeutlichen die warmherzigen Szenen am Familienesstisch, warum Kumail seine Eltern nicht leichtfertig enttäuschen will, sondern lieber den artigen Sohn spielt. Statt im Keller zu beten, wie es seine Eltern fordern, spielt er heimlich mit dem Smartphone. Seine Liebe zu einer Amerikanerin offen einzugestehen, würde allerdings unumkehrbar zum Bruch führen, was umso schwerer fällt, weil sich Kumail selbst noch nicht so ganz über seine Gefühle im Klaren ist.


Christian Horn