TULPENFIEBER


FILMKRITIK:

Der neue Film von Regisseur Justin Chadwick („Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“) und des renommierten Drehbuchautoren und Dramatikers Tom Stoppard ("Shakespeare in Love") entführt in das Amsterdam des 17. Jahrhunderts – in eine Zeit, als Tulpenzwiebeln kostbarer waren als Diamanten und an der Börse zu horrenden Kursen gehandelt wurden. Doch die eigentliche Geschichte ist zunächst eine andere. Die junge Sophia (dargestellt von Alicia Vikander, die in zahlreichen Nacktszenen mit ihrer androgynen Schönheit besticht) verlässt das Kloster, in dem sie als Waise aufgewachsen ist, um den reichen Gewürzhändler Cornelis Sandvoort zu heiraten. Der Grund: Sie soll ihm einen Erben schenken. Kein einfaches Unterfangen, zumal Sandvoort nicht mehr der Jüngste ist. Und dann verliebt sich die junge Frau ausgerechnet in Jan van Loss, jenen mittelosen Maler, der sie und ihren Ehemann in mehreren Sitzungen porträtieren soll. Immer häufiger treffen sie sich heimlich, eine leidenschaftliche Affäre entspinnt sich, für die es nur eine Lösung gibt: ein gemeinsames Leben in der Neuen Welt. Doch dafür brauchen sie Geld, und so schmiedet Sophia mit ihrer Magd Maria, die von ihrem spurlos verschwundenen Geliebten Willem ein Kind erwartet, einen gewagten Plan…


In diese Geschichte verquickt ist eben jene Tulpenmanie, die der Filmtitel meint und sich in den Niederlanden zwischen 1634 und 1637 zutrug. Sie gilt sogar als erste dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte – ein erster Hinweis, dass die Admiral Maria, eine weiße Tulpe mit rotem Streifen, ihren Besitzern (zuerst Willem, dann Jan) kein Glück bringen wird. Ein wenig kolportagehaft kommt diese Handlung daher, zu zahlreich sind die melodramatischen Versatzstücke, die die Geschichte vorantreiben, zu konstruiert ist die zentrale Intrige, über die an dieser Stelle nicht mehr verraten werden soll.


Auch wenn der Film, sowohl bezüglich Set Design und Kostümen, detailfreudig ausgestattet ist und den Zuschauer glaubwürdig in eine vergangene Zeit versetzt – über die Umstände, unter denen die einfachen Menschen damals lebten, erfährt man wenig. Stoppard und Chadwick, der schon mit „Die Schwester der Königin“ einen Film in der Historie ansiedelte, beschreiben vielmehr akribisch jene Verrücktheit, bei der eine seltene Tulpe zum begehrten Statussymbol und – noch wichtiger – zum wertvollen Spekulationsobjekt wurde, das man nicht einmal mehr besitzen musste, weil man die Rechte an ihr erwerben konnte. Die Seltenheit sorgte für Begehrlichkeit, die Aussicht auf unermesslichen Gewinn für eine Gier, die die Menschen in einen Rausch versetzte. Das Geschrei und Durcheinander in Kneipen-Hinterzimmern, die zu Börsenparketts umfunktioniert wurden, erinnert zuweilen an das Chaos in Michelangelos Antonionis „Liebe 1962“, in dem Alain Delon an der Börse in Rom handelte. Die Parallelen zu heute sind durchaus beabsichtigt. Schnell und mühelos sehr reich zu werden – das scheint ein Traum vieler, damals wie heute.


Michael Ranze