VORWÄRTS IMMER!


FILMKRITIK:

Berlin, 1989. Es rumort in der Stadt. Junge Leute im Osten gehen auf die Straße, immer wieder. In Berlin, in Leipzig, überall. Sie fordern Freiheit, die Öffnung der Mauer. Auch die Theaterschaffenden des Ostens würden sich gerne mehr Freiheiten wünschen – und proben schon einmal ein Stück, in dem das gesamte Zentralkomitee der SED und seine Schlüsselfiguren persifliert werden. Ob Krenz, Mielke oder Erich Honecker – es gibt im Ensemble einfach Darsteller, die diesen Männern bis aufs Haar ähnlich sind. Perfektes Timing. Denn als Otto, der Darsteller, der Honecker auf unnachahmliche Art nachahmen kann, erfährt, dass seine schwangere Tochter sich auf dem Weg nach Leipzig befindet, um an einer Montagsdemonstration teilzunehmen und ihre heimliche Ausreise in den Westen vorzubereiten, muss er schnell handeln. Immerhin gibt es Schießbefehl. Und diesen Befehl kann nur einer aufheben: Erich Honecker. Oder eben Otto. Muss ja keiner merken. Eine amüsante Verwechslungskomödie mit politischem Hintergrund ist Franziska Meletzky mit VORWÄRTS IMMER! gelungen, die durch einen guten Sinn fürs Timing und ein passend gewähltes Ensemble überzeugt. Ob Josefine Preuss und Jakob Matschenz als Vertreter der jungen Generation, die gegen das DDR-Regime aufbegehrt, Devid Striesow als opportunistischer „Staatskünstler“ oder auch Alexander Schubert und Stephan Grossmann als Krenz-Darsteller und Intendant: sämtliche Schauspieler agieren mit großer Spielfreude und wirken in der Verkörperung der historischen Rollen täuschend echt. Und in der Hauptrolle brilliert Jörg Schüttauf, dessen Honecker-Darstellung immer sehr genau zwischen Persiflage und Imitation balanciert und die Figur dennoch nie der Lächerlichkeit preisgibt. Ausstattung, Kostüme und Maske sind authentisch, die Dialoge sind voller Sprachwitz. VORWÄRTS IMMER! ist gelungener augenzwinkernder Schabernack.

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

In der Politkomödie VORWÄRTS IMMER geht es um die letzten Tage des 'realen Sozialismus' der DDR. Aus der Sicht der schwangeren Jungschauspielerin Anne (Josefine Preuß) entfaltet sich ein turbulenter Verwechslungsreigen, der in der Tradition französischer Komödien mit Louis de Funès oder Jean-Paul Belmondo steht. Anne will sich für ihre illegale Ausreise einen gefälschten Westpass besorgen und reist dafür gegen den Willen ihres Vaters zur Montagsdemonstration nach Leipzig. Der Vater (Jörg Schüttauf) ist ein berühmter DDR-Staatsschauspieler und begnadeter Honecker-Imitator, erfährt jedoch zufällig, dass ausgerechnet bei der nächsten Demonstration Panzer gegen die Demonstranten eingesetzt werden sollen. Als Honecker verkleidet schmuggelt er sich ins Zentralkomitee und will den Befehl zurücknehmen. Durch ungünstige Umstände trifft er auf Margot Honecker (Hedi Kriegeskotte), vor der er sich weiter als ihr Mann ausgibt. Als dann noch der echte Honecker auftaucht, droht die Intrige zu eskalieren. Franziska Meletzkys Politkomödie steht in der Tradition zwischen Ernst Lubitschs SEIN ODER NICHTSEIN und der deutschen DDR-Aufarbeitung im Stil von GOODBYE LENIN. Der Regisseurin gelingt mit VORWÄRTS IMMER! ein unterhaltsamer und ansprechender Zugang. Der Film ist sehr gut ausgestattet, in seinem Sprachwitz gelungen und insgesamt überzeugend geschrieben. Die Schwächen liegen für die Jury in der dramaturgisch nicht immer konsequent eingesetzten Komik, die oft ein wenig klamaukig und vorhersehbar erscheint. Der Film schwankt so zwischen Slapstick und satirischer „Sophistication“. Dennoch - so scheint es der Jury - ist VORWÄRTS IMMER! geeignet, einem großen Publikum auf amüsante Weise historische Aspekte der niedergehenden DDR-Diktatur und der Wendezeit um 1989 zu vermitteln. Sie vergibt daher das Prädikat „wertvoll“.