WHATEVER HAPPENS


FILMKRITIK:

Hannah (Sylvia Hoeks) und Julian (Fahri Yardim) sitzen in ihrer leer geräumten Wohnung zwischen Umzugskartons. Draußen knallen schon die Sylvester-Raketen. Für die beiden ist der Jahresanfang kein Grund zum Feiern. Das Paar steht kurz vor der Trennung. Ihre kleine Tochter soll sich entscheiden, bei wem sie leben möchte. Julian will aber vorher noch einen Vaterschaftstest machen. Sieben Jahre vorher sah das schon besser aus. Denn mit dieser begehrten Altbauwohnung fing alles an.


Völlig überfüllter Besichtigungstermin, die Leute drängen sich. Julian möchte eigentlich die Wohnung als WG mit seinen Kumpels mieten. In der Küche trifft er auf Hannah. Dort sieht der Vermieter die beiden zusammen. Kleines Missverständnis, und schon bekommen die beiden als vermeintliches Paar den Zuschlag. Die ungewollte Wohnungsgemeinschaft bringt freilich einiges ins Rollen. Die junge Jurastudentin und der freischaffende, lässige Fotograf kommen sich näher. Bald ist Hannahs Banker-Freund ausgebootet.


Mutig bricht Regisseur Niels Laupert bei seiner unterhaltsamen, modernen Liebesgeschichte mit der Chronologie. Verwegen arbeitet der 42jährige in seinem zweiten Spielfilm nach „Sieben Tage Sonntag“ mit Zeitsprüngen, die nicht immer ganz auf den Punkt finden. Trotzdem hebt sich die etwas andere Love-Story damit wohltuend vom Mainstream romantischer Komödien ab. Hinzu kommt sein exzellentes Leinwandpaar, bei dem die Chemie stimmt. Zudem befreit seine Beziehungskomödie den sympathischen Fahri Yardim aus der Enge des Stereotyps.


Witzig und charmant kann sich der deutsch-türkische Hanseate mit kraftvollem Spiel von einer anderen Seite zeigen. Bereits in dem sehenswertem Thriller „Jugend ohne Gott“ nach dem Roman von Ödön von Horváth als zwiespältige Lehrerfigur bekam der 37jährige diese Chance. Von flach eindimensionalen Figuren wie Taxifahrern, Gemüsehändlern und Kleinganoven kann sich der ehemalige Germanistikstudent nun endgültig verabschieden. Sein Zusammenspiel mit der Hollywood-Newcomerin Sylvia Hoeks („Blade Runner 2049“) überzeugt. Natürlich und nie überzogen brilliert die 34jährige Niederländerin authentisch an seiner Seite beim Finden der Liebe bis hin zur Trennung, zum Auszug.


Dass aber ausgerechnet der Karrieredrang der jungen Frau die Abseitsfalle für die beiden sein soll ist schon ziemlich retro. Weibliche Zuschauer stimmt er damit nicht besonders optimistisch. Die Angst zuhause vom Hausmann mit der Nachbarin betrogen zu werden und die Nähe zum eigenen Kind zu verlieren, macht eine derartige Work-Life-Balance für Frauen nicht gerade erstrebenswert. Einen Schritt weiter im Abarbeiten und Aufbrechen von Klischees scheint man derzeit sogar in Hollywood zu sein. Dort gönnt die von Frauen produzierte Komödie „Liebe auf Besuch“ seiner 40jährigen Protagonistin, ohne Wenn und Aber, den jungen Lover.


Luitgard Koch