WIR SIND JUDEN AUS BRESLAU


FILMKRITIK:

Anita steht am Bahnsteig des Hauptbahnhofs von Wrocław und erzählt mit ruhiger, klarer Stimme einer Gruppe von Jugendlichen aus Polen und Deutschland, was sie hier vor 74 Jahren erlebte. Damals hieß Wrocław noch Breslau und gab 1933 mehr Stimmen für Hitler ab, als jede andere deutsche Stadt. Gleichzeitig befand sich dort die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Im Jahr 1942 wurden Anitas Eltern im Konzentrationslager ermordet, sie wollte mit ihrer Schwester Erika im Zug nach Wien flüchten, aber die Gestapo ergriff die beiden am Bahnhof. Beide schluckten Zyankali, das ohne Wirkung blieb, weil ein Freund es vorher gegen eine Zuckerlösung ausgetauscht hatte. Die Schwestern kamen ins Zuchthaus, dann in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen Belsen. Überleben konnten sie nur, weil Anita dort im Lagerorchester spielte. Sie war eine der ersten, die in der BBC über die Konzentrationslager berichtete: „Wir hatten Angst, dass uns das niemand glauben würde.“


Nach ihrer Befreiung ging Anita Lasker nach London, wurde eine berühmte Cellistin, schrieb ein Buch über ihr Überleben. Wie die meisten der insgesamt 14 Zeitzeugen, die hier zu Wort kommen. Zu ihnen gehören die bekannten Historiker und Publizisten Fritz Stern, Abraham Ascher, Guenter Lewy, Walter Lacquer, Renate Lasker-Harprecht.


„Von der Generation Holocaust haben es viele weitergebracht als unter normalen Zuständen“, sagt einer der Protagonisten, der Historiker Walter Lacqueur, hier, „Sie mussten ohne Eltern ins Ausland gehen, dort alleine neu beginnen. Sie mussten schwimmen oder untergehen.“


Schwimmen oder untergehen: Über ihr Schicksal sprechen die 90-Jährigen ohne Selbstmitleid. Sie erinnern sich sehr genau an Details, an die Sprache des Naziterrors, an das was sie damals anhören müssten. Sie sind im Urgroßelternalter und wirken jung in ihrer Direktheit sehr viel jünger als sie sind. Ihre Worte wählen sie mit Bedacht und man hört ihnen gespannt zu.


Max und Pinchas Rosenberg flüchteten monatelang auf dem Landweg nach Palästina, kamen dort in die jüdischen Brigaden und kämpften 1944 in Italien gegen die Deutschen. Alte und aktuelle Aufnahmen aus Kibbuzim sind im Bild. Viele der Erlebnisse werden an Originalschauplätzen geschildert. Zu sehen ist das heutige Breslau, auch London, die Cote d’Azur, New York. Dahin flüchtete der spätere Historiker Fritz Stern schon 1938, er erzählt von seinen Jobs während des Studiums. „Ich hatte nur frei von der Arbeit, wenn Roosevelt oder Churchill eine Rede hielten. Mein Berufsleben war anstrengend und sehr befriedigend.“


Hinzu kommen historische Filme, Fotos und Zeitungen. Die Sängerin Bente Kahan singt jiddische Lieder. Sie setzte sich auch für den Wiederaufbau der Synagoge in Breslau ein. Immer wieder kommt es zu Begegnungen, Zeitsprüngen in die Vergangenheit. Abraham Ascher sitzt auf dem Balkon des Hotels Monopol, von dem aus Hitler 1936 eine Rede gehalten hatte: „Jetzt sitze ich hier auf dem Balkon. Das ist ein gutes Gefühl“. Prägende Momente aus 14 Lebensläufen sind zu sehen. Hier rückt ein Jahrhundert zusammen. Dieses Zusammentreffen der Zeitzeugen ist einzigartig. Der Film nimmt einen gefangen.


Dorothee Tackmann